Interview mit Tania Krätschmar

00030_23921Sie sind in Berlin geboren und nach Berlin zurückgekehrt. Wie hat die Mauer Ihr Leben beeinflusst?

Ich bin im Westteil Berlins geboren und war neun Monate alt, als die Mauer gebaut wurde. Als Kind kannte ich es nicht anders, aber ich war zugleich unendlich von den VoPos genervt, die jede unserer Reisen gleich zu Beginn um ein paar Stunden verzögert haben. Diese Schlangen am Grenzübergang! Diese Schikanen, wenn man die Radkappen des Autos abmontieren musste, weil man dahinter ja antisozialistische Magazine versteckt haben könnte! In meiner Schulzeit kamen mir dann Leute aus Westdeutschland unendlich fern vor, da gab es sicher auch die Mauer in meinem Kopf. Als sie real fiel, arbeitete ich bei einem Verlag in Berlin, der sein Haus direkt an der Mauer hat. Wir sind in der Mittagspause dorthin gegangen, haben den Mauerspechten zugehört, die Trabbiluft eingeatmet, und es war wirklich großartig. Berlin ist durch den Mauerfall eine der aufregendsten Städte der Welt geworden, und das Umland bezaubert mich immer wieder.

Wie hat das Leben in den USA Sie und Ihren beruflichen Werdegang beeinflusst?

Ich habe in den USA so viel gearbeitet wie nie zuvor: Tagsüber als Bookscout, abends im Masterstudiengang, an den Wochenenden habe ich Manuskripte gelesen und Referate geschrieben, zwischendurch ein altes Haus saniert. Und das soziale Netz ist gefährlich dünn. Aber das Leben in den USA bedeutet für mich auch, trotz aller Wirtschaftskrisen und sozialer Ungerechtigkeiten: Pursue of your own happiness. Du kannst es schaffen, aber du musst es wirklich wollen.

 Neben dem Schreiben lieben Sie auch die Gärtnerei. Fließt dieses Hobby auch aus diesem Grund vielleicht etwas in Ihre Bücher mit ein?

In hohem Maße! Ich versuche immer, neben der Liebe ein zweites wichtiges Thema zu haben. Im ersten Roman ist es das Gärtnern. Im zweiten Roman ist es Kochen, was ich auch als etwas sehr Sinnliches empfinde. Im dritten Roman, der im Herbst 2010 erscheinen wird, ist es die wilde Natur.

Woher nehmen Sie die Inspirationen für Ihre Romane?

Die Ideen schleichen sich unbemerkt an mich heran und sind dann plötzlich da. Es ist, als ob sich im Hinterkopf kleine Puzzleteile zusammen setzen, um sich dann als komplettes Bild zu zeigen. Direkt unheimlich.

Haben Sie schon immer davon geträumt, Autorin zu werden?

Meine Eltern haben früher gern Urlaub in Skandinavien gemacht. Ich erinnere mich, dass ich in den Schären herum gehüpft bin und die Geschichte der Kinder von Bullerbü weitergesponnen habe … Beruflich arbeite ich seit zwanzig Jahren als Texterin, und ich dachte immer, dass damit mein kreatives Potenzial erschöpft sei. Aber dann habe ich spontan bei dem Agatha-Christie-Wettbewerb 2006 mitgemacht, mein Kurzkrimi wurde veröffentlicht, und da war es geschehen: Ich hatte Blut geleckt.

 Wie gehen Sie mit negativen Reaktionen um?

Das kommt drauf an, von wem sie stammen. Wenn es sich um konstruktive Kritik handelt, z.B. von meiner Lektorin, dann akzeptiere ich das gern. Natürlich ist es nie schön, die eigenen Mängel vorgehalten zu bekommen, aber da hilft nur ehrliche Bestandsaufnahme. Zu glatt sei mein Roman, habe ich neulich gelesen, na gut, darüber will ich gern mal nachdenken. Am meisten habe ich mich über einen Verriss im „Tagesspiegel“ geärgert, weil die Verfasserin nicht mal kapiert hat, mit wem meine Hauptperson Tinke verbandelt war. Nur die ersten zehn Seiten und die letzten zwei lesen und dann den ganzen Roman in die Tonne treten – das finde ich inakzeptabel. Man sagt zwar, es gibt keine schlechte Kritik. Aber das sehe ich anders. Ich schreibe auch Rezensionen für Kinder- und Jugendbücher, und mir würde es im Traum nicht einfallen, etwas zu rezensieren, was ich nicht vollständig gelesen habe.

 Mussten Sie von Ihrem ersten Roman viele Manuskripte verschicken, bevor er genommen wurde?

Nein. Ich wurde von dem Knaur Verlag, für den ich bereits eine Weihnachtsgeschichte geschrieben hatte, direkt angesprochen. Meine Lektorin dachte irrtümlich, ich hätte bereits einen Roman geschrieben, und wollte ihn gern lesen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwar bereits die Idee für Die Wassergärtnerin, aber noch keine Zeile verfasst. Nach diesem Anruf habe ich mich sofort hingesetzt und das Exposé geschrieben. Es wurde akzeptiert, und los ging’s.

 Wie entwickeln Sie Ihre Figuren? Gibt es Parallelen zu realen Personen?

Meine Figuren nehmen mit der Geschichte Gestalt an. Es beginnt immer mit der weiblichen Hauptfigur und ebenfalls immer mit einem Ort, der mich interessiert, ein verkommenes Grundstück, ein Seerosensee, ein Waldgebiet. Gelegentlich scheinen meine Personen auch entschlossen, ein Eigenleben zu entwickeln. Vor allem die Männer sind immer für eine Überraschung gut! Severin aus dem Seerosensommer, zum Beispiel.

 Welche Tipps haben Sie für angehende Autoren, die einen Roman veröffentlichen wollen?

Glaub an dich (was nicht nur für angehende Autoren, sondern für alle Menschen gilt!). Nimm Ratschläge von Profis an. Such dir eventuell eine Schreibgruppe, der du deine Geschichten vorlesen kannst. Wenn du ein Manuskript fertig geschrieben hast und ehrlich zufrieden damit bist, such dir einen vernünftigen literarischen Agenten. Aber verbieg dich nicht total. Es ist schließlich DEINE Geschichte.

 Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: Schreiben ist …

… eine Sucht. Macht zum Glück nicht dick, ist nicht schlecht für Lunge oder Leber, und macht trotzdem sehr glücklich. Vorausgesetzt natürlich, dass alles gut läuft.

 Ich danke Ihnen Sehr für dieses Interview und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg.
© Ricarda Ohligschläger

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Heidi Cappuccino-Mama sagt:

    EVA UND DIE APFELFRAUEN – ein ganz tolles Buch und eine Liebeserklärung ans Landleben. Würde ich nicht bereits auf dem Land leben, nach dem Lesen dieses Buches hätte ich den Wunsch, aufs Land zu ziehen.

    LG,
    Heidi, die Cappuccino-Mama

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