Interview mit Dr. Frank Stefan Becker

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+Frank S Becker Baden hochformat B+ 351 AusschnittHerr  Dr. Becker, vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben für dieses Interview.
Sie haben ja in beruflicher Hinsicht schon in vielen verschiedenen Bereichen gearbeitet. Gab es da in ihrem Werdegang eine Arbeit, die sie besonders begeistert hat?

Ich hatte das Glück, immer interessante Aufgaben zu haben (oder das Gespür dafür, anderen auszuweichen). Am meisten gefällt mir jedoch das, was ich jetzt mache: Für Bildungsthemen und die Verbesserung der Hochschulausbildung zu arbeiten.

Ihre ersten beiden Romane beschäftigen sich mit der Römerzeit. Haben Sie hierfür eine besondere Vorliebe und wie hat sich diese entwickelt?

 

Ich komme aus Südwestdeutschland und hatte das Glück, in meiner Kindheit römische Scherben und Münzen finden zu können. Das war ein ungeheurer Ansporn, sich mit dieser Epoche zu beschäftigen, die ja – im Gegensatz z.B. zu den alten Ägyptern oder den Inkas – ein Teil der eigenen Vergangenheit ist. Später habe ich dann in Europa und dem Mittelmeerraum auf meinen vielen Fotoreisen die meisten römischen Stätten besucht. Dabei wuchs – über die Konfrontation mit der islamischen Nachfolgekultur – auch das Interesse für diesen, uns Europäern meist fremden Raum.

 Warum haben Sie die Römerzeit verlassen und gerade das 7. Jahrhundert gewählt? 

Die Idee entstand seltsamerweise genau aus meiner Begeisterung für die Stadt Rom. 1985 hatte ich das Buch von Krautheimer über Rom (Schicksal einer Stadt, 312-1308) ausgerechnet auf Englisch bei einer Dienstreise in San Francisco gekauft. Ich war sofort  von der Verfallszeit des 7. Jh. gefesselt, in der z.B. der oströmische Kaiser Konstans die Stadt besucht und ausplündert. Später kam über die Beschäftigung mit dem Islam die Faszination für die Entstehungszeit der Kalifenherrschaft dazu, dann auch das Interesse für die frühe irische Mönchskultur und so dramatische Schicksale wie das des heiligen Emmeram. Da es seltsamerweise fast keine Romane gibt, die diesen Zeitraum und diese Ereignisse behandeln, habe ich mich auf die spannende Reise in Europas düsterste Epoche gemacht.

 Da gibt es doch keine Quellen, oder? Wie lange recherchieren Sie für ihre Romane? Die Recherche gerade für diese Epoche stelle ich mir sehr langwierig vor.

 Quellen gibt es sogar zahlreiche, aber sie sind fast nur in Fachkreisen bekannt. Dazu zählen Chronologien wie das Buch der Päpste oder die Weltgeschichte des Theophanes mit ihren meist nur knappen Einträgen. Ausführlichere, wenn auch natürlich stark gefärbte Informationen bieten die Kirchenschriftsteller. Eine Fundgrube sind die zahlreichen Predigten und Briefe von Papst Gregor dem Gr. (um 600), der dramatisch über die Situation in Italien berichtet, aber auch Gregor von Tours, Isidor von Sevilla, Gildas, Beda Venerabilis, die Fredegarschronik, Arbeo von Freising, Adamnan (Irland) und Paulus Diaconus mit seiner Langobardenchronik sind hier zu nennen. Dazu kommen aus dem östlichen Mittelmeerraum z.B. Sebeos, der Pseudo-Dionysius, Johannes von Ephesus, Johannes von Nikiu, der Mönch Moschos und viele mehr, von den islamischen Autoren ganz zu schweigen. Aber das sind alles Quellen, von denen man im Normalfall noch nie etwas gehört hat und die oft nicht auf Deutsch vorliegen. Um den Lesern einen Eindruck zu vermitteln, habe ich jedem Kapitel eine kurze Textstelle aus einem solchen Zeitdokument vorangestellt.

Extrem schwierig war vor allem der Einstieg, da diese Zeit uns nicht durch die schulisch geprägte Allgemeinbildung geläufig ist. Leider gibt es kaum gute Zusammenfassungen über die Kulturgrenzen hinweg, so dass ich meine Recherche getrennt für die drei Kulturkreise machen musste, die von den drei Hauptfiguren des Romans verkörpert werden (Irland/Deutschland; Karthago/Italien/Konstantinopel; Arabien/Alexandria/Damaskus). Die Recherche lief z.T. parallel zum Schreiben, sie hat sicher vier bis fünf Jahre umfasst.

 Wenn Sie die Möglichkeit hätten in dieser Zeit zu leben, welche Figur würden Sie gerne verkörpern. Eher eine Person aus dem Volk oder z.B. einen Kommandeur?

 Als unmilitärischer Mensch wäre ich sicher kein Kommandeur, und da ab dem 3. Jh. die meisten Kaiser ermordet wurden, sollte man auch von diesem Posten die Finger lassen. In Anbetracht der wunderbaren luxuriösen Landvillen wäre ich wohl am liebsten Gutsbesitzer gewesen. Spätestens ab dem 5. Jh. werden dafür allerdings die Zeiten zu unsicher, da konnte man sich nur noch in schwer befestigten Städten aufhalten.

 Könnten Sie sich vorstellen ein Buch zu schreiben welches in der Gegenwart spielt oder in einem anderen Genre?

 Absolut, ein in der nahen Zukunft spielender Politthriller ist sogar mein Ziel – aber reserviert für die Lebensphase, wenn ich mich nicht mehr im Beruf jeden Tag mit der Gegenwart auseinandersetzen muss. Da bitte ich meine Leserinnen und Leser noch um einige Jährchen Geduld.

 Wie behalten Sie den Überblick über alle Charaktere und die Handlungsstränge? Planen Sie vor dem Schreiben bis ins kleinste Detail oder lassen Sie der Geschichte den Lauf und schauen dann wie sich etwas entwickelt?

 Ich lege mir für die wichtigsten Figuren Persönlichkeitsprofile an. Da ist alles vermerkt, was im Roman von Bedeutung ist: Alter, Geburtsort, besondere Kenntnisse, Aussehen, Vorlieben, Abneigungen, spezielle Redensarten und vor allem die sogenannte „Prämisse“, nach der die Figur handelt bzw. sich entwickelt (Gier nach Macht, Rache, Liebe etc.). Natürlich kann sich das durch neue, beim Schreiben oder in der Konfrontation mit anderen Figuren geborene Einfälle ändern, denn zu sehr vorherplanen sollte weder sein eigenes Leben noch einen Roman! Dazu kommen dann Nebenfiguren, die teilweise nur in einem Kapitel auftreten, aber für die Entwicklung der Handlung oder der jeweiligen Perspektivfigur, aus deren Blickwinkel ich die Handlung schildere, wichtig sind. So wird zum Beispiel mein irischer Mönch in der Konfrontation mit einem respektlosen Barden zum ersten Male in seiner engen Weltsicht erschüttert.

 Planen Sie schon ein neues Buchprojekt? Und wenn ja möchten Sie etwas über die Handlung verraten?

 Mein nächstes Projekt ist die Herausgeberschaft einer Anthologie mit historischen Kurzgeschichten aus allen Epochen, die 2010 erscheint. Das Buch wird auch eine Erzählung aus meiner Feder enthalten, die Mitte des 13. Jh. im Nahen Osten spielt. Da diese Zeit des Mongolensturms so faszinierend ist, habe ich – aufbauend auf meiner für die Kurzgeschichte viel zu umfangreichen Recherche – das Konzept für einen ganzen Roman ausgearbeitet, der diese Epoche behandelt. Ich nähere mich also schon mit Riesenschritten der Moderne …

 Welches Buch lesen Sie momentan selbst?

 „Der geheime Name Gottes“, den Roman eines Kollegen (C.R.Lange) über den arabischen Weltreisenden Ibn Battuta, der im 14. Jh. von Marokko bis nach China kam.

Vielen Dank für dieses sehr informative Interview.
Das signierte Buch geht an Julia S.
© Ricarda Ohligschläger

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  1. Mike sagt:

    Danke für das interessante Interview!

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