Interview mit Nicole Rensmann

Liebe Frau Rensmann, danke, dass Sie Einblicke in Ihren Autorenalltag geben.Arbeiten Sie lieber an Kinder- oder Erwachsenenbüchern?

 Es ist das Schreiben an sich, das ich liebe, dabei ist es mir egal, ob ich an einer Geschichte für Kinder oder an einem Roman für Erwachsene arbeite. Aber ich möchte nicht nur Bücher für Kinder oder nur für Erwachsene schreiben, denn der Wechsel ist es, der mich reizt und der mir immer wieder Spaß bereitet.

Wie kamen Sie zum Schreiben bzw. wie entstand die Idee, da die Ausbildung in der Verwaltung ja eher unüblich ist.

 Nunja, wer in der Verwaltung arbeitet, muss ja nicht zwangsläufig unkreativ sein. Abgesehen davon: Eine Ausbildung ist dafür da, um zunächst den Unterhalt zu sichern. Denn vom Schreiben leben, können die wenigsten Autoren. Meine Ausbildung trat ich also an, zum Zweck des Überlebens, um finanziell selbstständig und unabhängig zu sein.

Schon als Kind habe ich sehr gerne und sehr viel gelesen. Mein favorisierter Autor war Wolfgang Ecke, außerdem las ich zahlreiche Krimibücher für Kinder, »Hanni und Nanni«, »Die 5 Freunde« und Abenteuerbücher. Ich erinnere mich, dass ich eines Abends im Bett lag, ein Buch von Wolfgang Ecke verschlang und mir wünschte, so schreiben und den Leser so gefangen nehmen zu können, wie er dazu fähig war. Doch als Kind, später als Teenager besaß ich nicht das Selbstbewusstsein, mich an den Schreibtisch zu setzen und meine Gedanken, meine Phantasie in Worte zu fassen. Ich schrieb zwar mit 12 oder 13 Jahren (vielleicht war ich auch jünger) Limericks und kleine Gedichte, aber mehr traute ich mich nicht.
Dass mir mein Deutschlehrer in der 10. Klasse einen Wortschatz von nicht mehr als 500 Wörtern bescheinigte, förderte mein schreibtechnisches Bewusstsein nicht.
Aber eine Vertretungslehrerin war dazu in der Lage. Sie war eigentlich eine sehr unangenehme, laute Frau, die auch schon mal mit Büchern um sich warf. Doch sie wusste meine Phantasie mit einem Aufsatzthema herauszukitzeln:

»Wie sieht der Unterricht in der Zukunft aus?«

Und damit hatte sie mich! Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie meine Phantasie kleine Sprünge machte und mich sogar nachts wach hielt. Ich verfasste einen der besten Aufsätze der Klasse. Doch dann froren all die Worte und Ideen erst einmal wieder ein. Und es vergingen viele Jahre, bis ich mich an den Tisch setzte und zunächst nur mit Bleistift und Kugelschreiber Gedichte schrieb. Gedichte aus Trauer und Verzweiflung. Ich muss ungefähr 22 oder 23 Jahre alt gewesen sein. Meine erste Novelle entstand 1996: »Die Hobbijahns«, die leichte biografische Züge aufweist, obwohl es ein fantastischer Roman für Kinder ist.  Danach schrieb ich weiter: Kindergeschichten, Horror, Phantastik, Science Fiction, Historisches – bis heute will ich mich nicht einem Genre zuordnen.

Welche Figur aus Ihren Büchern gefällt Ihnen selbst am Besten und warum.

 Das ist sehr schwer. Ich mag von den Kindergeschichten die »Luzifee« sehr gerne, ein kleines, freches Teufelsmädchen, das auszog den Weihnachtsmann zu suchen. Die Geschichte ist meinem neuen Buch »Regenbogenläufer – 15 Geschichten für Groß & Klein« enthalten. Aber auch die Figuren aus »Die Hobbijahns« sind mir sehr ans Herz gewachsen: Archibald, die vegetarische Spinne. Damals bei den Testlesern eine Sensation, doch vor wenigen Wochen las ich in einem Bericht, dass Biologen tatsächlich eine Spinne entdeckt haben, die sich rein vegetarisch ernährt.

Also sind »Die Hobbijahns« nicht nur Fantasy, sondern auch Science Fiction. Aber zurück zu den Figuren. Auch Balduin, ein geschwätziger Falter gehört zu meinen Lieblingsfiguren, ebenfalls aus »Die Hobbijahns«.

Und ansonsten muss ich sagen, dass ich alle meine Charaktere aus »Mein Märchen« (nur der Arbeitstitel) liebe. Ohne Ausnahme. Ich liebe diese Geschichte wie keine andere, vielleicht auch weil ich schon einige Jahre daran arbeite und vermutlich noch einige weitere Jahre daran arbeiten werde, sofern vorher kein Verlag sein Interesse bekundet.

 Hat Sie das Schreiben schon in jungen Jahren begeistert?

 Wie ich oben schon erzählte: Ja und Nein. Vielleicht wäre ich nie zum Schreiben gekommen, wenn manche Dinge in meinem Leben nicht so geschehen wären, wie sie zutrafen. Von daher, auch wenn einige Erfahrungen davon nicht als schön zu bezeichnen sind, so sind sie doch der Grund gewesen, dass ich heute hier diese Fragen beantworten darf! Denn diese Zeit hat mich stark gemacht und mir den richtigen Weg gewiesen.

Sie stehen ja auch neuesten Medien sehr offen gegenüber, so engagieren Sie sich ja auf Twitter, etc.  Halten Sie sich da immer auf dem neuesten Stand oder ist das als Journalistin und Autorin zwangsläufig notwendig?

 

Nun, ich praktiziere Twitter, Facebook und bin bei Xing, habe einen Blog und eine Website. Ich bin jedoch nicht bei Myspace oder auf weiteren Plattformen, weil sie natürlich auch Zeit rauben. Alles kann und will ich nicht bedienen. Ich glaube auch nicht, dass ich auf dem neuesten Stand bin, denn, wenn ich sehe wie sich die Teenager heute im Internet bewegen, weicht das von meinen virtuellen Tätigkeiten doch sehr ab, die dann schon fast als konservativ bezeichnet werden könnten.

Das Autoren-Dasein ist ein einsames Leben. Wir sitzen hier am Schreibtisch, tippen in den Rechner ein, verbringen unsere Zeit mit aus unserer Kreativität entstandenen Personen. Die »neuen Medien« sind eine gute Hilfe, um Kontakt nach draußen zu halten. Denn ich kann nicht erwarten, dass ich hier alleine sitze und alle Welt zu mir kommt, letztendlich wartet niemand auf mich. ICH muss zu ihnen, zu den Lesern, den Kontakten, gehen.

Besonders Twitter wird oftmals unterschätzt. Twitter ist eine Freundschafts- und Kontaktbörse und hat nicht nur mir neue Jobs gebracht.

Ich möchte das nicht missen. Und hoffe auf noch viel mehr.

Wie vereinbaren Sie Familie und Beruf?

 Als meine Kinder kleiner waren, konnte ich mehr schreiben als das heute der Fall ist. Seltsam, aber so ist es in der Tat. Heute fordern sie mich mehr, schlafen nicht mehr auf meinem Schoß während ich schreibe und gehen auch nicht mehr früh ins Bett. Die Schule fordert mich auch als Mutter.

Meine Familie steht in der Regel vor meinem Beruf. Aber dennoch werde ich nie auf das Schreiben und alles, was damit einhergeht, nicht verzichten. Ich sitze also im Normalfall um halb acht am Schreibtisch, kümmere mich zwischendurch um die Tiere, bereite das Abendessen vor, sehe Hausaufgaben nach, putze, organisiere, zahle Rechnungen, nehme Termine wahr, kümmere mich um die Buchhaltung des Ein-Mann-Betriebs meines Mannes und habe dann irgendwann meistens erst um 10 Uhr am Abend Feierabend. Manchmal erst um halb elf und dann wieder schon um acht.

Am Wochenende arbeite ich weniger, aber ich arbeite eigentlich immer und versuche zwischendurch dennoch, stets für meine Kinder da zu sein, was zumindest deshalb schon funktioniert, weil ich täglich zuhause bin.  

 Wie viel Arbeit steckt dahinter, ein Buch (einen Roman) zu schreiben?

 Das hängt von der Länge und dem Thema des Buches ab und der individuellen Arbeitsweise jedes Autors. So ist das auch bei mir immer anders. Es gab Romane, die habe ich inklusive Recherche in drei oder fünf Monaten geschrieben und – wie „Mein Märchen“ – Erzählungen, an denen sitze ich schon zwei oder mehr Jahre, weil sie diese Reifezeit benötigen.

Diese Zeit hätte ich mich vor einigen Jahren allerdings nicht zu nehmen getraut, nicht dass ich heute berühmt wäre und sie mir deshalb nehmen könnte, keineswegs, aber es passieren viele kleine Dinge um mich herum, die auch Zeit in Anspruch nehmen und nehmen sollen. Und mir geht es nicht mehr um eine schnelle Veröffentlichung, sondern um das Veröffentlichen eines reifen Textes.  

Wie lange (wie viele Jahre) haben Sie gebraucht, um das erste Buch zu veröffentlichen?

 Nun, mein erstes Buch wurde im Jahre 2000 veröffentlicht, nicht viel später als ich es vollendet hatte, allerdings bei einem kleinen Verlag mit einer sehr kleinen Auflage, die aber immerhin recht schnell komplett vergriffen war.

Mein eigentliches Debüt »Die Hobbijahns« wird 2010 veröffentlicht, 14 Jahre nach seiner Fertigstellung.

Wie sieht ein Tag einer Autorin aus? Welche Aufgaben muss sie bewältigen?

Auch das ist sicherlich von Autorin zu Autorin unterschiedlich. Ich kann also nur von meinem Leben sprechen. So stehe ich um zwanzig nach sechs auf, mein Mann geht mit den Hunden raus, ich säubere die Katzenklos, bereite Essen für alle Katzen und die Hunde vor, manchmal fege und putze ich schon mal Küche und Bad – je nachdem, was die Tiere in der Nacht für ein Chaos veranstaltet haben, lege die Wäsche zusammen, stelle die nächste Maschine an, räume die Spülmaschine aus, Kinder wecken, Morgenhygiene, Frühstück entfällt, weil die Kinder in einem Alter sind, in dem morgens nichts mehr gegessen werden möchte.

Wenn die Kinder aus dem Haus sind, setze ich mich – meist um halb acht – an den Schreibtisch, checke Mails, Twitter, Facebook, beantworte Fragen. Dann schreiben, recherchieren, lesen, Interviews entwerfen oder Porträts verfassen, Blog bestücken, Rezension schreiben – je nachdem, was anliegt. Vieles davon mache ich auch abends, während der Fernseher läuft oder nachmittags, wenn mein Sohn seine Hausaufgaben in meinem Arbeitszimmer macht.

Zu meinem Autorenalltag gehört neben dem Schreiben einer Geschichte oder eines Romans auch das Hinterfragen und Korrigieren meines Textes. Da ich keinen Agenten mehr habe, schreibe ich Exposees, stelle mich bei den Verlagen vor, versende Anfragen, knüpfe Kontakte, mache den Pressebereich, organisiere die Lesungen und gebe ab und an auch Interviews, ach und da wäre natürlich noch Rechnungen schreiben, Verträge unterzeichnen, Meldungen bei VG Wort einreichen, Website aktualisieren, Blog pflegen, Newsletter versenden, und nicht zu vergessen: Die Steuer am Anfang jedes Jahres. Es ist also ein sehr abwechslungsreicher Beruf – eine Berufung  –, wobei mir „nur“ Schreiben reichen würde, wenn ein anschließendes „nur“ Veröffentlichen dazu käme, aber das geht ohne die oben beschriebenen Tätigkeiten leider nicht, sofern sich nicht ein Manager und ein Agent um alles kümmert oder ich einen einzigen, festen Verlag habe.

Wie konnten Sie die Zweifler in ihrem Umfeld (bzgl. ihres Schreibens)
davon überzeugen, dass es Ihnen wirklich ernst ist, mit der Sache und wie lange hat es gedauert?

Das dürfte einige Jahre gedauert haben und ich glaube, es gibt heute noch hier und da Zweifler. Meine Familie habe ich allerdings überzeugt, sie unterstützen mich vollends. Meine Freunde musste ich nie überzeugen. Und das ist es doch letztendlich was zählt.

Wie lange hat es gedauert bis sie allein mit dem Schreiben (in welcher Art auch immer) ihren  Lebensunterhalt verdienen konnte?

Andreas Eschbach hat einmal gesagt, dass ein Autor etwa sieben Jahre benötigt, bis er vom Schreiben leben kann. Doch, was bedeutet „leben“ in dem Zusammenhang? Der eine benötigt vielleicht 1000 € im Monat, der andere muss eine Familie versorgen, einen Kredit abbezahlen und kommt mit 3000 € so eben hin.

Es gibt also gar keine Pauschale, ab wann ein Autor vom Schreiben leben kann, denn es kommt auch auf das „wie“ an.  Ich kann von meinen Honoraren noch nicht leben.
Frei nach dem Motto: »Viel Arbeit, wenig Brot.« Tatsächlich schauen mich manche mit einem skeptischen Blick an, der verrät, dass sie mich an der Grenze des Wahnsinns sehen. Denn die Wenigsten in „normalen“ Berufen würden so viel für so wenig Geld arbeiten. Ich glaube, der Autor wäre mit seinem Engagement ein perfekter Arbeitnehmer – im Sinne eines Arbeitgebers. Aber: Der Autor ist sein eigener Chef!

Warum sind Lektoren sehr kritisch? 

Es ist ihre Aufgabe kritisch zu sein und nicht den Autoren Honig um den Bart zu schmieren. Sie sind es, die den Text eines Autors aus einer anderen Perspektive sehen. Allerdings muss ich sagen, dass nicht jede Sichtweise jedes Lektors für jeden Autor auch die richtige ist. So ist es nicht einfach, einen guten Lektor zu finden, mit dem die Zusammenarbeit zwar kritisch und manchmal schmerzhaft, aber schließlich von Erfolg gekrönt ist.

 Warum ist es schwer einen Verlag zu finden? 

Weil die Verlage Unmengen von Manuskripten erhalten, fürchte ich. Keinen Verlag zu finden bedeutet dabei nicht grundsätzlich, dass der Text schlecht ist, aber es ist durchaus möglich. Wichtig ist, weiterzumachen, am Text zu arbeiten, einen neuen zu beginnen und dazu zu lernen.
Hartnäckigkeit gehört zu einem Autor wie das Wort – und zwar in vielen Belangen.

 Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: Schreiben ist… 

… ist mein Sauerstoff, meine Droge und ein großer Teil meines Lebens.

Liebe Frau Rensmann, danke für die Beantwortung der Fragen. Ich freu mich sehr, sie bald auf einer ihrer Lesungen zu treffen!
Das signierte Buch geht an Anna W. Herzlichen Glückwunsch
© Ricarda Ohligschläger

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