Interview mit Heidi Rehn

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Liebe Frau Rehn, nachdem ich ihren historischen Roman „Die Wundärztin“ gelesen habe, freu ich mich umso mehr Sie heute bei der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten“ begrüßen zu können.
In „Die Wundärztin“ treffen die zwei unterschiedlichen Kinder Eric und Magdalena aufeinander. Findet sich in diesen Figuren auch ein Stück von Ihnen selbst wieder?

Natürlich bin ich bestrebt, eigenständige Charaktere zu erschaffen, doch kann ich auch nicht ganz aus meiner Haut, kann nur das denken, was mein Kopf eben hergibt. So fließen meine Sehnsüchte und Träume in meine Figuren mit hinein. Schließlich entspringen sie meiner Phantasie, werden also quasi in Gedanken von mir geboren. Übrigens liebe ich alle meine Figuren, auch die „Bösen“, die in meinen Augen stets aus einem ganz bestimmten, für mich nachvollziehbaren Grund „böse“ sind und mir ebenso ans Herz wachsen wie die „Guten“.
Beim Schreiben begleite ich sie alle ein Stück des Wegs, sehe, wie sie sich entwickeln, handeln, denken und auch von mir lösen. Das bindet mich wiederum sehr an sie – eben ganz ähnlich wie bei leibhaftigen Kindern.

Sie schildern in „Die Wundärztin“ gerade das Leben der einfachen Leute, entspringen die Figuren Ihrer Phantasie oder haben Sie historische Vorbilder?

Die Figuren sind allesamt frei erfunden, allerdings ist es mir wichtig, das Erfundene daran auszurichten, was in der Zeit möglich gewesen wäre.
Sie sollen so sein, wie die Leute damals gewesen sein und gelebt haben könnten. Das muss authentisch sein, darauf lege ich großen Wert und recherchiere das entsprechend in Büchern und Archiven.  Bei der Recherche für „Die Wundärztin“ bin ich zudem auf ein Söldnertagebuch aus dem Dreißigjährigen Krieg gestoßen. Darin wird sehr genau beschrieben, wie die einfachen Soldaten und ihre Familien im Heerestross gelebt haben. Davon habe ich mich natürlich auch inspirieren lassen.

Hat es einen besonderen Grund, dass „Die Wundärztin“ gerade in der Zeit des dreißigjährigen Kriegs spielt oder ist der Zeitraum eher zufällig gewählt? Wie lange haben Sie vorab recherchiert?

Mich hat der Dreißigjährige Krieg seit der Schulzeit interessiert, aber nicht, weil ich mich für Schlachten und dergleichen sonderlich
begeistere, sondern weil ich es einfach unglaublich finde, dass er wirklich genau 30 (!) Jahre, also eine Generation lang, gedauert hat. Es gibt also Leute, die zeit ihres Lebens keinen Frieden gekannt haben.
Andere erleben den Friedensschluss 1648 und empfinden das als fremd, weil sie nie zuvor Frieden kennengelernt haben. Was heißt also für sie „Frieden“? Seit Jahren lese ich alles über diese Zeit, was mir in die Finger kommt: Grimmelshausens „Simplizissimus“ und „Courasche“, Brechts „Mutter Courage“, Ricarda Huch und Golo Manns Sachbücher über die Zeit, all die vielen Tagebücher und Berichte, die es zudem aus jener Epoche gibt. Genau abgrenzen lässt sich eine Recherche letztlich nie. Als ich anfing, konkret an dem Roman zu arbeiten, habe ich etwa ein halbes Jahr ganz gezielt in Bibliotheken und Archiven recherchiert und dann zu schreiben begonnen, währenddessen aber lese ich auch immer wieder nach. Das hört eigentlich nie auf.

Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden oder war das eine zufällige Begebenheit? Gibt es Vorbilder oder einen Autor der Sie beeinflusst oder beeinflusst hat?

Ich habe schon immer gern Geschichten erzählt und auch sehr gern und viel geschrieben. Allerdings habe ich das lange Zeit aufs
journalistische Schreiben beschränkt. Erst vor zwölf Jahren habe ich dann einfach mal versucht, einen Roman zu schreiben, d.h. vor allem, eine Idee von Anfang bis Ende durchzudenken und dann an der Umsetzung zu feilen, bis das „Endprodukt“ vorliegt. Zu meinem großen Erstaunen habe ich für dieses Manuskript auf Anhieb einen renommierten Verlag gefunden und seither habe ich „Blut geleckt“ und schreibe und schreibe…. und kann mir nicht mehr vorstellen, je wieder damit aufzuhören.
Konkrete Vorbilder gibt es keine, oder besser: alle, die mit Begeisterung schreiben, sind meine Vorbilder.

Mich würde die Ideenfindung interessieren. Wie entstehen die Bilder in Ihrem Kopf und was inspiriert Sie? Ein Beispiel wäre schön.

Mein Kopf schwirrt vor Ideen. Z.B. sehe ich in der U-Bahn ein interessantes Gesicht und denke mir gleich eine Geschichte zu dem- oder derjenigen aus, was sie gerade erlebt, wie ihr Leben durch ein besonderes Schicksal geprägt ist o.ä. Auch wenn ich in eine (fremde) Stadt fahre, dort alte Gebäude sehe, fallen mir gleich Geschichten dazu ein: Wer mag darin gewohnt haben, was haben diese Menschen in einer bestimmten Zeit erlebt und dergleichen. Oder ich bereite mich auf eine Reise vor und lese in Reiseführern etwas über die Geschichte einer Stadt oder einer Gegend, eines Landes, erfahre etwas über einen Herrscher und was er für oder gegen sein Volk getan hat. Daraus entspinnen sich auch gleich Ideen für Geschichten von Leuten, vor allem „einfachen“ Leuten aus dem Volk, die dann mit diesen Ereignissen leben müssen. Für mich ist also alles um mich herum eine ständige Inspirationsquelle. Viele Ideen
notiere ich mir gleich, manche wachsen erst über Jahre im Kopf, bis ich sie dann in eine Geschichte verwandele oder in einen Roman einbaue.

Wann schreiben Sie am liebsten? Morgens? In der Nacht oder am Wochenende? Wieviel Zeit investieren Sie in das Schreiben? Haben Sie  einen Lieblingsplatz im Haus, schreibt sie per Hand oder am PC, mit Kaffee oder Tee?

Ich schreibe am intensivsten vormittags und am späten Nachmittag und achte darauf, dass ich diese Zeiten möglichst täglich (auch am Wochenende) nutzen kann. Für mich sind zudem Rituale sehr wichtig. Ich schreibe seit Jahren an einem wunderschönen Schreibtisch, den mein Großvater (er war Zimmermann) eigens für mich entworfen und gezimmert hat. So habe ich meinen Opa gewissermaßen beim Schreiben stets bei mir.
In diesem Tisch sind eigens verschiedene Fächer, in denen ich Schreibutensilien sowie eine kleine Handbibliothek verstaut habe. Zum Einstieg in den Schreiballtag gehört für mich ein in Ruhe genossener Espresso. Zum „Warmschreiben“ widme ich mich erst den Mails, dann geht es los. Sobald ich in die Geschichte „reingerutscht“ bin, vergesse ich so ziemlich alles um mich her. Oft schrecke ich total hungrig auf, weil es längst früher Nachmittag geworden ist und ich ganz in meinem Roman abgetaucht war. Ich schreibe übrigens am Laptop, direkt am Fenster mit Blick in einen wunderschönen großen Garten – und das mitten in der Stadt!

Wie schafft man es bei historischen Romanen immer alles so genau zu recherchieren, denn meistens gibt es ja keine Zeitzeugen und über alles gibt es ja auch keine Wissenschaftlichen Bücher?

Ich denke, wenn man sich für eine bestimmte Epoche und Geschichte entschieden hat, entwickelt man ein sehr gutes Gespür für Details. Man liest ja ständig darüber, betrachtet Bilder, schaut Filme darüber an und recherchiert in Museen und direkt vor Ort. So stößt man oft auf Kleinigkeiten, die andere leicht übersehen. Generell lese ich auch gern über Bräuche, Sitten und Alltagskultur. Dadurch entwickelt man auch ein Gefühl, was möglich gewesen sein könnte. Denn manchmal kommt man an den Punkt, da wird alles reine Spekulation, weil tatsächlich kein Bild, kein Buch, gar nichts überliefert ist. Da ist man dann als Schriftsteller gefragt, die Phantasie zu bemühen und mit dem wenigen, was man weiß, das, was man nicht weiß, so authentisch wie möglich dazuzuerfinden.
Schließlich schreibe ich Romane und keine historischen Fachbücher.

Was begeistert Sie so an der Erforschung von Vergangenem?

Ich finde es sehr spannend, etwas über das Leben, Denken, Fühlen der „einfachen“ Leute von früher zu erfahren – und dabei oft festzustellen, wie wenig sich das von uns heute unterscheidet. Es gibt eben gewisse Dinge, die ändern sich nie (Liebe, Neid, Rache, Fürsorge). Anderes ist (zum Glück) völlig anders, z.B. die Behandlung von Krankheiten, die hygienischen Verhältnisse, die Rechte des Einzelnen. Diese Unterschiede, mitunter Fortschritte zu entdecken, ist auch sehr aufregend und weckt wieder die Freude an der Gegenwart.

Sie schreiben Krimis, historische Romane und historische Kriminalromane. Ist Ihnen da die Verbindung von beiden Genres am allerliebsten, oder schreiben sie je nach Laune mehr in dem einen oder dem anderen Genre?

Zur Zeit konzentriere ich mich ganz auf die historischen Romane. Dabei merke ich allerdings immer wieder, wie viel ich z.B. bei
Handlungsführung, Spannungsaufbau und Figurenlenkung vom Krimischreiben gebrauchen kann. Eigentlich sind mir alle drei Genres sehr lieb und es hängt eher vom Thema als vom Genre ab, was ich schreibe. Deshalb sind es derzeit einfach die historischen Romane.

Was ist der Unterschied zwischen Historischem Roman und historischem Kriminalroman? Ich dachte bisher gar nicht, dass es da überhaupt auch noch Unterschiede geben kann.

Im Unterschied zum klassischen Krimi gibt es da sicher auch gar nicht so riesige Unterschiede. Beim Krimi kommt es vor allem auf die Überführung des Täters, also die Ermittlertätigkeit, an. Beim historischen Kriminalroman muss dagegen – wie im historischen Roman – insbesondere die Atmosphäre vermittelt werden. Da rückt dann die Ermittlertätigkeit auch mehr nach hinten, die Handlung entwickelt sich insgesamt langsamer, das Erzähltempo ist gemächlicher.

Sie sind Mitglied im „DELIA – Deutsche Liebesromanautoren“? Gibt’s also auch solche Romane von Frau Rehn oder ist die Mitgliedschaft hier eher persönlicher Lesevorlieben – Natur?

Natürlich spielen hier auch meine eigenen Lesevorlieben mit hinein, denn ich lese einfach sehr gern Liebesromane. In allen meinen Romanen – selbst in den Krimis – gibt es immer auch eine Liebesgeschichte. Meine „Wundärztin“ verstehe ich vor allem als eine hart historischen Liebesroman, weil doch die Beziehung zwischen Magdalena und Eric das handlungstragende Element ist. Ohne Liebe geht gar nichts.

Lesen Sie selbst gerne Bücher und falls ja welches Genre? Was lesen Sie derzeit und welches war Ihr liebstes Kinderbuch?

Ich lese wahnsinnig gern. Wer schreibt, muss einfach auch ein leidenschaftlicher Leser sein. Genrevorlieben habe ich nicht. Wenn mich eine Geschichte dank ihrer Figuren, ihrer Atmosphäre in Bann zieht, dann lese ich einfach mit Vergnügen. Gerade lese ich „Chili und Schokolade“ von Lilli Beck, eine witzige Geschichte über eine Frau, die mit Ende 40 entdeckt, was sie noch alles aus ihrem Leben machen kann. Mein liebstes Kinderbuch ist bis heute „Das doppelte Lottchen“ von Erich Kästner. Das konnte ich mal fast auswendig. Aber auch „Krabat“ von Ottfried Preussler hat mich sehr beeindruckt und ich lese es bis heute immer mal wieder.

Welches ihrer eigenen Bücher mögen Sie am liebsten und warum?

Eigentlich liebe ich alle meine Bücher gleichermaßen. Sie sind irgendwie alle meine Kinder. Allerdings liebe ich das, an dem ich gerade schreibe, besonders, weil es über Wochen, ja Monate mein Denken und oft genug auch mein Träumen bestimmt. Das Schicksal meiner Figuren beschäftigt mich sehr intensiv, so wachsen auch sie mir während des Schreibens ans Herz, bis ich sie am Ende loslassen muss.

Gibt es bei Ihren Büchern irgendeine Figur, die Ihnen besonders  ans Herz gewachsen ist, Frau Rehn?

Das ist wie bei den Büchern. Auch die Figuren sind von mir in gewisser Weise geboren worden, beschäftigen mich während des Schreibens sehr intensiv, bis ich ein neues Buch mit anderen Figuren beginne. Da ich gerade noch an der Trilogie mit Magdalena und Carlotta schreibe, sind es diese beiden Frauen, die mich derzeit besonders in Atem halten.

In welche Zeit würde sie eine Zeitreise unternehmen und warum?

Eine Zeitreise unternehme ich nur, wenn ich die 100%ige Rückkehrgarantie erhalte! Und dann würde ich jetzt aktuell gern Magdalena und Carlotta besuchen. Derzeit sind sie im Jahr 1662 zwischen Danzig und Königsberg unterwegs. Vielleicht verraten sie mir etwas mehr über den Ausgang ihrer Geschichte. Das beschäftigt mich nämlich momentan.

War es leicht für Sie einen Verlag zu finden, der ihre Bücher verlegen wollte? Haben Ihnen dabei Ihre Kontakte als PR-Beraterin weitergeholfen?

Aus meiner Zeit als PR-Beraterin habe ich in dieser Hinsicht eigentlich nichts verwenden können. Mein erstes Buch gleich auf Anhieb bei einem renommierten Verlag (Rowohlt) unterzubringen, war sicher so etwas wie der berühmte 6er im Lotto. Auch die folgenden Krimis habe ich sofort untergebracht. Ich bin aus heutiger Sicht sehr naiv an die Sache herangegangen, habe die Manuskripte einfach an die jeweiligen Verlage geschickt, die mir als Leserin für das Genre aufgefallen sind.
Inzwischen habe ich eine sehr gute, sehr erfahrene Agentin, die meine historischen Romane glücklicherweise ebenfalls ohne Wartezeit bestens platziert hat. Besser kann es nicht laufen.

Können wir uns in Zukunft auf weitere historische Romane von Ihnen freuen?

Ja, natürlich. Die Geschichte meiner Wundärztin Magdalena ist als Trilogie angelegt. Der zweite Teil, „Hexengold“ wird im Sommer bei Weltbild und nächstes Jahr bei Knaur erscheinen. Derzeit schreibe ich am dritten und letzten Teil, der leider noch keinen Titel trägt. Und danach habe ich noch eine Fülle weiterer historischer Geschichten, die ich gern erzählen möchte.

Liebe Frau Rehn, danke für diesen wunderbaren Einblick in ihren Autorinnenalltag. Ich – und sicher auch die Leser/innen des Blogs – freue mich schon sehr auf die Fortsetzung ihrer Trilogie rund um Magdalena und Carlotta.

An dieser Stelle möchte ich den Leser/innen danken, die so zahlreich Fragen eingesandt haben, denn nur dadurch konnte dieses wunderbare Interview erst entstehen: DANKE

Die Bücher aus der Verlosung gehen an
Nadja Sch.
Sina F.
Marcella B.
Herzlichen Glückwunsch
© Ricarda Ohligschläger
Foto  ©  Erol Gurian

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