Interview mit Karla Schmidt

Liebe Karla, danke, dass Sie sich Zeit nehmen für „Leser fragen – Autoren antworten“. Karla, mich würde es interessieren wie sich dieser ganze Bücherrummel um Sie herum anfühlt. Ist es überhaupt fassbar? 

Die ersten Wochen war ich völlig aus dem Häuschen, habe jeden Tag 100 Mal die Rezis bei amazon oder lovelybooks durchgelesen. Ich hatte Herzrasen und war nervös und völlig aufgedreht. Oft dachte ich, dass die Seifenblase bestimmt jeden Moment zerplatzen wird. Das hat sich inzwischen zum Glück gelegt, und langsam habe ich wirklich Spaß an der Sache. Es fühlt sich mittlerweile an wie: Hey, ich habe die beste Arbeit der Welt, und ich habe Leser, die diese Arbeit schätzen. Besser kann es nicht sein.

Mich würde interessieren, wie es Ihnen möglich war, einen Verlag für sich zu begeistern, und es wäre interessant zu erfahren, ob Sie jemals Literatur über die Kunst des Schreiben gelesen haben, und welches dieser Bücher, wenn überhaupt, Sie empfehlen können.

Ich glaube, ich habe alles an Schreibratgebern verschlungen, was es auf dem Markt gab – und in der Zeit eigentlich kaum geschrieben. Erst, als dieser Knoten geplatzt war, habe ich aufgehört, Ratgeber zu lesen. Wirklich nachhaltig geholfen hat mir Robert McKee: „Story“ – ein recht anspruchsvolles Dramaturgiebuch, eigentlich für Drehbuchautoren. Einen Verlag habe ich dann mit Hilfe meines Agenten gefunden – und einen Agenten findet man genauso, wie man früher Verlage gefunden hat: Anrufen, fragen, ob Thema und Genre interessieren, und wenn ja, dann Exposé, Kapitelplanung und Leseprobe schicken. 

Und vor allem würde mich interessieren wie Sie zum Schreiben gekommen sind? 

Die Frage höre ich gelegentlich, und ich weiß immer nicht so recht, wie ich darauf antworten soll. Wo beginnt das Schreiben? Schon in der Kindheit. Mein Bruder und ich haben geschrieben wie die Wilden. Wie haben sogar Hörspiele wie „Reise in die Urzeit“ oder „200 Meter unter dem Meer“ produziert. 😀
Ich habe immer viel geschrieben, Auftragssachen, Drehbücher, Artikel. Aber so „richtig“ zum Schreiben bin ich erst im Sommer 2005 gekommen. Meine erste etwas längere Erzählung habe ich im Vorzelt vor unserem VW-Bus auf dem Campingplatz geschrieben. Ich habe auf einem Klapptsuhl gesessen und den Laptop vor mich auf einen weißen Kinderhochstuhl aus Plastik gestellt. Die Geschichte bekam dann 2009 den Deutschen Science Fiction Preis. Also – so lange schreibe ich noch gar nicht „ernsthaft“.

Sind Sie der Meinung, dass es ein „Geheimnis der Schriftstellerei“ gibt, und falls ja, was dies Ihrer Meinung nach ist.

Das einzige Geheimnis, das ich kenne, lautet: Leidenschaft und Handwerk. Man muss kein literarisches Genie sein, um Schriftsteller zu werden. Aber ohne Leidenschaft fürs Schreiben und ohne Handwerk ist es absolut unmöglich.

Mochten Sie damals in der Schule den Deutschunterricht? 

Kam auf den Lehrer an. Aber im allgemeinen ja. Ich mochte Aufsätze, weil ich während des Schreibens herausgefunden habe, was ich über ein Thema dachte. Schreiben ist für mich eine Denkhilfe.

Wie lange haben Sie an Ihrem Roman „Das Kind auf der Treppe“ geschrieben? 

Es hat von der ersten Idee bis zum fertigen Manuskript fast zwei Jahre gedauert. Dazwischen habe ich aber auch andere Sachen geschrieben und gearbeitet, es war Wartezeit auf einen Vertrag dabei, … Ich habe also nicht die ganze Zeit geschrieben. Reine Schreibzeit – sechs bis acht Monate vielleicht?

Haben Sie schon einmal einen Albtraum von ihrem Buch (der Geschichte selbst) gehabt? 

Nein, nie. Es ist eher anders herum: Durch das Schreiben werde ich die Alpträume los. Träume haben ja unter anderem die Funktion, ungelöste Ängste zu bearbeiten. Wenn man über ein angstbesetztes Thema ein ganzes Buch schreibt, dann bleibt nichts mehr übrig zum Träumen. Schreiben ist für mich die beste Methode, Dinge, die mich beunruhigen, aus dem Kopf und aufs Papier zu bekommen.

In ihrem Buch behandeln Sie die verschiedensten Themen: Kindesmissbrauch, Inzest, lesbische Liebe, Sadomasochismus. Haben sie Abstand gebraucht, während des Schreibens? 

Nein, eigentlich nicht. Vielleicht, weil die Ideen aus mit selbst heraus kamen. Denn wenn ich solche Sachen von anderen Autoren lese, geht es mir manchmal sehr nahe. Ich musste mal ein Buch weglegen, weil dort Kinder in ein Bergwerk verschleppt wurden. Nicht besonders grausig im Vergleich mit dem, was ich so schreibe. Aber ich habe es nicht ertragen. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass ich beim Schreiben weiß, wie es weiter geht. Beim Lesen weiß ich das nicht, und da bringt mich die Spannung schier um.
Lesbische Liebe gehört für mich übrigens definitiv nicht in eine Reihe mit Inzest, Kindesmissbrauch oder Gewalt. Lesbische Liebe ist eher das Gegenteil davon – nämlich Liebe.

Warum inspiriert Sie gerade die Musik von David Bowie so stark beim Schreiben? Haben Sie ihn auch schon einmal persönlich getroffen? 

Ich kenne Bowies Musik sehr gut. Zudem ist Bowie extrem vielseitig. Egal welche Stimmung man gerade braucht, egal welche Art Musik – in den vierzig Jahren seines Schaffen findet man praktisch alles. Mich inspiriert aber durchaus auch andere Musik. Sie richtet sich direkt an die Emotionen und löst, zumindest bei mir, unmittelbar Assoziationen und Ideen aus. Ich habe Bowie noch nicht getroffen. Aber ich würde einiges drum geben, wenn ich mal die Chance bekäme. 🙂

Haben Sie – unabhängig vom Schreiben – bestimmte Genres, die Sie gerne hören oder mögen und nutzen Sie die Vielfalt der verschiedenen Musikrichtungen? 

Ja, ich höre und nutze sehr verschiedene Musik. Ich suche mir das, was ich beim Schreiben höre, danach aus, was ich gerade für eine Stimmung brauche. Manchmal habe ich Phasen, in denen ich gerne bestimmte Genres höre – im Moment Postrock und bestimmte Soundtracks. Jetzt tönt gerade „run toto run“ aus meinen Boxen. Es gibt aber manche Sachen, die höre ich gar nicht: Country, Western, Volksmusik, Musicals.

Welches Genre von Büchern lesen Sie privat? 

Da bin ich nicht festgelegt. Neugierig bin ich auf alles, auf Altes ebenso wie auf Neues. Was mir im Moment nicht so gut gefällt, ist die starke Ausdifferenzierung der Genres, die meinem Empfinden nach zu stark nach Strickmuster vermarktet werden. Ich liebe meistens die Bücher, die sich nicht so festlegen lassen und spannende, neue Kombinationen erfinden – Kelly Link zum Beispiel, oder John Ajvide Lindqvist. 

Viele Autoren schreiben nur Bücher für ein Genre, höchstens zwei. Sie allerdings haben schon Thriller, Sci-Fiction Geschichten und historische Romane geschrieben. Woher nehmen Sie die vielfältigen Ideen für die verschiedenen Genres und können Sie sich vorstellen vielleicht nochmal ein anderes Genre „auszuprobieren“?

Ich habe immer das Gefühl, das Thema, das mich jeweils fasziniert, bestimmt das Genre. Manche Stimmungen lassen sich in dem einen Genres einfach besser ausdrücken als in dem anderen.
Mich auf nur ein Genre festzulegen, käme mir unglaublich langweilig vor – tatsächlich reizen mich immer stärker die Mischformen. Von daher ist es nicht ausgeschlossen und sogar wahrscheinlich, dass ich noch mehr Genres ausprobieren werde.

Lesen Sie selber gerne und viele Thriller? Wenn ja: ist es dann schwierig sich in seiner Geschichte nicht beeinflussen zu lassen von anderen Autoren? Und haben Sie vielleicht einen Lieblings-Thriller-Autor? 

Wenn ich selbst ein Buch schreibe, lese ich eher wenig, und dann auch nicht das Genre, in dem ich gerade schreibe. Nicht, weil ich mich nicht beeinflussen lassen will, sondern weil es mich anödet. Ich brauche, wenn ich z.B. SF schreibe, nicht auch noch SF zu lesen – dann greife ich eher zu einem Thriller, oder zum einem Sachbuch, oder zu etwas aus dem 19. Jahrhundert.

Planen Sie, sich in Zukunft sich auf spezielles Genre zu spezialisieren? 

Nein – defintiv nicht. Ich möchte mir nach und nach eher die Freiheit erschreiben zu machen, wonach mir gerade ist, ohne dass Verlage unglücklich sind, weil ich meiner „Schiene“ nicht treu bleibe.

Schreiben Sie bereits an einem neuen Buch, falls ja, um was geht es und wie wurden Sie hier inspiriert? 

Ich arbeite an einem Thriller und an einer anderen Sache. Beim Thriller hat mich ein paar Schuhe inspiriert, bei der anderen Sache ein Video über einen Taucher. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten.

Warum erscheint ihr historischer Roman unter einem Pseudonym? 

In Deutschland scheint es wichtig zu sein, dass man einen Autor einem Genre zuordnen kann. Damit Leser wissen, was sie kaufen, wenn sie „Karla Schmidt“ oder „Charlotte Freise“ kaufen – nur wo Nutella drauf steht, ist auch Nutella drin. Verlage machen sich Sorgen, dass Leser wechselseitig enttäuscht sein könnten, wenn sie zwei Bücher von einer Autorin kaufen, und die sind dann beide vollkommen unterschiedlich. 

Was halten Sie persönlich von ebooks und den neuen elektronischen Lesegeräten? 

Sobald es die Dinger mit Überarbeitungsfunktion für eigene Manuskripte gibt, kaufe ich mir eins. 😉
Ansonsten sehe ich für mich persönlich erstmal keinen Vorteil. Dass ich theoretisch eine halbe Bibliothek mit mir herumschleppen könnte, finde ich zwar reizvoll. Aber andererseits: Mehr als ein oder zwei Bücher lese ich im Urlaub sowieso nicht, und im Alltag habe ich auch nicht mehr als ein Buch in der Tasche. Meine Erfahrung sagt: Wenn ich zu viele Bücher irgendwohin mitnehme, lese ich meistens gar keins davon, weil die schiere Masse mich abschreckt.
Aus ökologischen Erwägungen finde ich Ebooks jedoch sehr sinnvoll. 

Ich habe auf Ihrer Homepage gesehen, dass Sie gemeinsam mit einigen anderen ein grünes Büro haben. Ist grün Ihre Lieblingsfarbe, oder wie ist diese Farbwahl entstanden? 

Das Büro ist grün, weil unser Vermieter es so gestrichen hat. Und wenn ich mich in ein so fein gemachtes Nest setzen kann, dann werde ich sicher nicht die Farbrolle zücken. 😉

Wird es zum Buch das Kind auf der Treppe auch Lesungen im Rheinland geben? 

Bisher ist nichts geplant. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. 

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit? Wo in der Hauptstadt kann man Sie antreffen und welche Orte besuchen Sie gerne. 

Ich gehe sehr viel spazieren, dabei komme ich zur Ruhe – und man lernt eine Stadt wirklich kennen. Die Innenstadtbezirke habe ich mir über die Jahre ziemlich umfassend erlaufen. Ansonsten hänge ich gerne mit meinen Kindern im Friedrichshain oder im Mauerpark ab oder treffe mich abends mit Freunden. Der Pratergarten ist ein schöner Ort dafür. Wenn man nicht gut draußen sein kann, sehe ich mir gelegentlich modernes Tanztheater an. Toula Limnaios „Halle“ auf der Eberswalder Straße ist großartig.

Liebe Karla, vielen Dank für dieses interessante Interview!!
Die Gewinner aus dieser Aktion wurden bereits gezogen.
Herzlichen Glückwunsch!
© Ricarda Ohligschläger
Foto ©  privat

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Karin sagt:

    …das liegt auch noch auf dem SUB.
    Ichglaube ich muss mich Cloonen..
    Tolles Interview..

    1. herzgedanke sagt:

      Vielen Dank Karin. Zu den tollen Interviews tragen aber auch die Leser/innen dieses Blogs bei.

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