Anja Jonuleit – Herbstvergessene

Die Atmosphäre des Buches ist durchweg sehr bedrückend und undurchsichtig und lässt dem Leser keine Atempause.

Maja und Lilli Sternberg haben nicht gerade das was man ein enges Mutter-Tochter-Verhältnis nennt. Seit zehn Jahren besteht der Kontakt zueinander fast ausschließlich darin, sich an Geburts- und Feiertagen eine Karte zu senden.
An einem Sonntagvormittag erhält Maja einen Anruf von der Mutter, die sie eindringlich bittet sie zu besuchen.
„Es gibt das etwas, was ich dir sagen muss…und zeigen!“, teilt sie ihrer Tochter mit. Eine Woche später fliegt Maja nach Wien. In Gedanken das Wiedersehen in den verschiedensten Farben probend und auch ein bisschen auf Versöhnung hoffend. Leider ist es dafür schon zu spät – Lilli Sternberg ist tot, gefallen von der Dachterrasse.
Maja ist wie gelähmt von der unerwarteten Nachricht und während sie von Schuldgefühlen geplagt am Selbstmord ihrer Mutter zweifelt, freundet sie sich mit deren Nachbarin Erna Buchholtz an. Von ihr erfährt Maja auch, dass ihre Mutter an Krebs erkrankt war und die Hinweise auf einen Selbstmord verdichten sich. Aber war Selbstmord nicht eine Art Kapitulation, die so gar nicht zu der sonst so toughen und teils harten Mutter passte?
Überraschend taucht ein Brief An Frau Maja, Tochter von Lilli Sternberg, persönlich auf. Der Absender ist Lore Klopstock, Herrengasse, Wien – eine Freundin der Mutter. In dem Umschlag befindet sich ein Foto auf deren Rückseite sich der Schriftzug Wir beide in Hohehorst, März 1944 befindet. Darauf abgebildet ist Majas Großmutter Charlotte mit einem Kind. Dieses Foto gibt Maja neue Rätsel auf, denn das Kind in den Armen der Oma kann unmöglich Lilli Sternberg sein, denn diese war erst im Mai 1944 geboren. Hatte die Großmutter noch ein Kind? Gab es noch einen Bruder, eine Schwester oder sonstige Verwandte von deren Existenz Maja bisher nichts wusste?
Sie begibt sich auf Spurensuche und findet schnell heraus, dass es sich bei dem Namen Hohehorst nicht um einen Ort, sondern um eine Einrichtung handelte, die 1938 offiziell unter dem Namen Heim Friesland als Entbindungsstation eröffnet wurde. Außerdem stößt sie bei ihren Recherchen auf einen Zeitungsartikel über Dr. Heinrich Sartorius, der 1944 Oberarzt in Hohehorst war und später spurlos verschwand.
Je mehr sich Maja darauf konzentriert die Rätsel ihrer Vergangenheit zu entschlüsseln, desto mehr hat sie das Gefühl verfolgt zu werden.
Auch Erna Buchholtz scheint ihr etwas zu verschweigen und welche Rolle spielt Roman Sartorius, der Sohn des Arztes, zu dem sich Maja unerwartet hingezogen fühlt?
Letzten Endes taucht auch noch ein mysteriöses Manuskript ihrer Großmutter auf und stellt Maja vor neue Herausforderungen…

Vorne weg sei gesagt, dass ich das Buch in einem durch gelesen habe, da es mich einfach nicht mehr los gelassen hat.
Anja Jonuleit hat eine Familientragödie geschaffen deren Struktur so verworren gewebt ist, dass man bis zum Ende hin gebannt rätselt, wer hier welches Spiel spielt – und das Finale selbst bringt auch noch einiges an Überraschungen mit. Genau so stelle ich mir eine packende und bewegende Familiengeschichte vor!
Die Atmosphäre des Buches ist durchweg sehr bedrückend und undurchsichtig und lässt dem Leser keine Atempause. Man könnte es auch sehr gut mit einem Thriller vergleichen!
Die Charaktere sind so vielschichtig, wie genial beschrieben. Von der Hauptprotagonistin Maja, die erst einmal zu sich selbst finden muss, über deren Lebensgefährten Wolf, der sie kurz nach dem Tod ihrer Mutter allein lässt, bis hin zum undurchsichtigen Roman Sartorius – hier findet jeder seinen Platz. Auch das Manuskript der Großmutter, das zwischen den aktuellen Geschehnissen eingefügt ist.
Und während die Erzählungen der Großmutter die Schatten der Vergangenheit lüften, findet auch Maja die entscheidende Spur, die sie zur Auflösung des Todes ihrer Mutter bringt, aber die ist von der Autorin so intelligent gelegt, dass ich keine Seite zu früh auf diese Lösung kam. Grandios!
Die „Herbstvergessene“ spielt hierbei eine ganz besondere Rolle, aber mehr wird an dieser Stelle nicht verraten.

Fazit: Ein flüssiger Schreibstil, ein intelligent konstruierter Plot, Spannung die bis zum Ende bleibt und ein grandioses Finale – was soll man da anderes zu sagen als UNBEDINGT LESEN?
© Ricarda Ohligschläger

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