Interview mit Marie Cristen

Alles zu seiner Zeit 

Liebe Frau Cristen, ich freue mich sehr Sie bei der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten“ begrüßen zu können. Ihr aktueller Roman „Der Damenfriede“ handelt von dem Vertrag, der letzten Endes den Krieg der zwischen Kaiser Karl V. und König Franz I. von Frankreich beendete. Die Verhandlungen tätigten Margarethe von Österreich und Luise von Savoyen aus. Haben Sie die Stärke und der Ehrgeiz der beiden Damen zu diesem Roman inspiriert? Oder war es etwas völlig anderes? In erster Linie war es der Umstand, dass die Zeit des „goldenen“ Flandern  mit dem Damenfrieden zu Ende ging. Dass die beiden Verhandlungspartnerinnen zwei so außergewöhnliche Damen waren, kam natürlich positiv hinzu. Die Flandern-Saga umspannt dieses Zeitalter mit ihren 4 Romanen. 

Wie lange haben Sie recherchiert und welche Quellen haben Sie genutzt?

Das Beginenfeuer ist 2005 erschienen und bereits in den Jahren zuvor, habe ich die Idee verfolgt. Die Gesamtrecherche erstreckt sich also über gut sechs bis sieben Jahre. In dieser Zeit bin ich mehrmals nach Brügge und Flandern, nach Paris und Burgund gereist, habe Unmengen von Biographien und Bücher gelesen, Museen besucht und meine Informationen mit dem Internet abgeglichen. Das ist natürlich nur möglich, wenn eine gewisse Basis an Geschichtswissen vorhanden ist, auf der man aufbauen kann. Ich habe mir diese Basis über lange Jahre hinweg aus persönlichem Interesse geschaffen, so dass ich weiß, wo ich mir Informationen besorgen kann, die nicht auf der Straße liegen, wie man so schön sagt. 

Was macht Ihnen mehr Spaß, die Arbeit bei einer Zeitung oder das Schreiben von Romanen? Und weshalb?

Alles zu seiner Zeit. In meinen Jahren bei der Zeitung habe ich nicht nur Schreiben, sondern auch recherchieren, organisieren und Disziplin gelernt. Ohne diese handwerklichen Fähigkeiten kommt man bei einem Roman nicht weiter, egal wie ausgefallen und gut die Grundidee der Geschichte auch ist. Aufgrund dieser Ausbildung kann ich nun als freie Autorin meine Themen selbst aussuchen. Heute macht das natürlich mehr Spaß, als hektischer Zeitungsbetrieb, aber ohne meine Zeitungsjahre wäre ich heute nicht wo ich bin. 

Da die Hauptschauplätze der historischen Romane von Ihnen alle NICHT in Deutschland liegen würde ich gerne wissen, ob Sie familiäre Bande nach Frankreich oder Italien haben oder ob es andere Gründe gibt, warum die Geschichten immer in „fremden“ Ländern spielen?

Ich bin bekennender Frankreich-Fan und habe dieses Gen von meinem Vater übernommen, der als Kriegsgefangener in Frankreich war und Land und Leute dennoch lieben lernte. Von der Geschichte Frankreichs fasziniert habe ich gelesen, gelesen, gelesen und mir dabei mühelos ein Grundwissen angeeignet, das ich über andere Länder nicht in diesem Maße besitze. Hinzu kommt, dass die meisten meiner Reisen nach Frankreich gehen und ich die Sprache gut genug spreche, um auch französische Bücher lesen zu können. Dass daraus Ideen für Romane entstehen, ist geradezu zwingend. 

Wird es auch demnächst mal ein Buch geben, was z.B. im Ostallgäu spielt? (Das fände ich sehr interessant, da meine Familie auch aus dem Allgäu kommt.) Oder ist der Grund ganz einfach, dass es dort zu wenig historisch relevante Personen gab?

Die Frage habe ich eigentlich zum Thema Frankreich schon beantwortet. Aber ich habe auch versucht, meinem Verlag einen regionalen, bayrischen Stoff nahezubringen. Er wurde mit dem Argument abgelehnt, dass ein historischer Roman überregional interessant sein müsse. Regionales zieht in erster Linie bei Krimis. Schade, aber als Autor ist man darauf angewiesen, seine Manuskripte auch zu verkaufen. 

Mich würde interessieren warum Sie Pseudonyme verwenden, wenn Sie einem dann doch zugeordnet werden? Eigentlich möchte man ja nicht unbedingt „erkannt“ werden, oder?

Die Pseudonyme sind ausschließlich auf Verlagswunsch zustande gekommen. Dort sieht man ein Pseudonym als Marke für eine bestimmt Art von Buch. Marie Cristen steht für historische Romane, Valerie Lord und Marie Cordonnier für sog. „Nackenbeißer“-Liebesromane. Gaby Schuster ausschließlich für Jugendbücher. Ich habe versucht, meinen ersten historischen Roman unter Gabriele Marie Schuster anzubieten, aber angeblich verbinden die Buchhändler mit Schuster ein Jugendbuch. Die Marketing-Abteilung des Verlages befürchtete Irrtümer. 

Mich würde interessieren, ob Sie persönlich als Lektüre auch historische Romane bevorzugen oder ob es da komplett in eine andere Richtung geht?

In erster Linie lese ich tatsächlich viel Historisches, Romane ebenso wie Biographien und Sachbücher. Daneben kann  ich mich auch für Krimis (Stieg Larsson oder Kobr/Klüpfel) begeistern, für Fantasy, Modernes oder englische Bücher. So habe ich, nachdem die Reihe in Deutsch eingestellt wurde, die letzten drei Bücher der Niccolo-Reihe kürzlich in Englisch gelesen. Ich bedaure sehr, dass Dorothy Dunnett nicht komplett in Deutschland veröffentlicht wurde. 

Haben Sie Vorbilder beim Schreiben oder hat Sie jemand auf ihrem Weg zur Autorin ganz besonders geprägt?

Es gibt Autoren die bewundere, aber ich versuche dennoch meinen ganz eigenen Weg zu finden. Den Anstoß dafür, historische Romane schreiben zu wollen, haben aber die Angélique-Bücher von Anne Golon gegeben. Als Teenager habe ich die Bücher verschlungen und schon damals davon geträumt, einmal Leser auf solche Weise in ferne Zeiten zu entführen. 

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Im Moment lese ich „Der Fluch der Hebamme“ von Sabine Ebert, davor war es „Reisen im Mittelalter“ von Norbert Ohler. 

Wie sieht ein typischer Schreibtag bei Ihnen aus? Gibt es den überhaupt oder lassen Sie sich eher von der Muse leiten?

Da die Muse ein launisches Geschöpf ist, verlasse ich mich auf die Disziplin, die ich schon erwähnt habe. Das heißt,  wenn gerade ein Roman in Arbeit ist, müssen täglich fünf bis zehn Seiten entstehen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind cirka 6 bis 9 Stunden am Computer erforderlich. Morgens bin ich spätestens um neun am Laptop, unterbrochen von einer Mittagspause, geht das dann je nach Tagesform bis 18, 19 oder manchmal auf 20 Uhr weiter. Zeiten in denen die Muse dennoch streikt – auch die gibt es – nutze ich für Recherchen über neue Themen, zum Überarbeiten und den ganz normalen Alltag, den auch eine Autorin zu stemmen hat.

Und auf was können sich ihre Leser in 2011 freuen?

Der nächste Roman, an dem ich im Moment schreibe, wird zur Abwechslung in Deutschland spielen, obwohl auch er gewisse Verbindungen nach Burgund hat. Erscheinungstermin und Ausgabe sind noch nicht ganz sicher, also kann ich im Augenblick nur auf „Das flandrische Siegel“ verweisen, das im Dezember 2010 als Taschenbuch erscheint, und den „Turm der Lügen“, der als Originaltaschenbuch zwar schon ein Jahr alt ist, aber immer noch neue Leser findet.

Liebe Frau Cristen,  ich danke Ihnen herzlichst für dieses Interview.
Das Buch aus der Verlosung geht an
Claudia E.
Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen u. a. aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten“

 



Kommentar verfassen