Interviews mit Autoren

Interview mit Krystyna Kuhn

Es ist immer eine Herausforderung, sich einem Publikum zu stellen 

Frau Kuhn, können Sie sich noch an den Schlüsselgedanken erinnern, welcher Sie bewogen hat „Das Tal“ zu schreiben? Und wie haben Sie die Geschichte genannt – wie war der Arbeitstitel?

Die Inspiration, das Tal zu schreiben, ging von zwei Grundgedanken aus: Es sollte eine „Internatsgeschichte“ werden, die in der Jugendliteratur ja Tradition sind. Zudem habe ich mich von der Fernseherie LOST inspirieren lassen. Da hat mich das Konzept überzeugt. Ein mysteriöser Ort mit Geheimnissen. Charaktere, die das Schicksal zusammengeführt hat. Interessante Biographien der Figuren, die mit der Haupthandlung verknüpft sind. Und das Projekt hieß von Anfang an „Das Tal“. 

Da ich in der Nähe von FFM wohne, faszinieren mich natürlich gerade Romane der Region immer wieder und ich frage mich wo findet eine Autorin so viel Zündstoff, das ganze Serien (noch dazu so packende wie die Ihre) daraus entstehen?

Geschichten erzählen ja von Menschen und ich glaube, dass jeder Mensch – egal wo er lebt – eine Geschichte zu erzählen hat, die spannend ist. Und jedes Leben ist reich an Ereignissen, Dramen und Konflikten, die es wert sind, erzählt zu werden. 

Mit „Der Sturm“ ist nun bereits der dritte Teil über das Tal erschienen, ein vierter kommt Anfang nächsten Jahres auf den Buchmarkt. Steht schon fest, ob es weitere Bände der Reihe geben wird und wie viele?

Fest steht in jedem Fall, dass es eine zweite Staffel geben wird. Man sollte nicht glauben, welche Dynamik so eine Story entwickeln kann. Ich bereue es in keinem Fall, eine so groß angelegte Serie zu schreiben. Das bietet viele Entwicklungsmöglichkeiten für die Charaktere und die Handlung. Und man kann verschiedene Genres verknüpfen: Krimi, Mystery, Horror, Science Fiction, Abenteuergeschichten. Das reizt mich ungemein.

Werden am Ende der Reihe alle Geheimnisse gelüftet oder werden einige Geheimnisse der Phantasie des Lesers vorbehalten?

Mein Ziel wäre es schon, alle Geheimnisse zu lüften, zumindest alle, die realistisch und in der „Jetzt-Zeit“ zu klären sind. Natürlich bedeutet Mystery auch, dass die Grenze zur Realität überschritten wird und darin liegt ein gewisser Reiz. Der Gedanke – wir wissen nicht alles, wir bilden es uns nur ein – fordert mich sehr heraus. Und das nicht in einem esoterischen Sinn, sondern durchaus naturwissenschaftlich betrachtet. Wenn wir schon alles verstehen würden, gäbe es keine Entwicklung – dann würde alles zum Stillstand kommen. Das fände ich langweilig und auch traurig.

Hat Roberts Verhalten etwas mit seiner Vergangenheit zu tun oder entwickelt sich daraus noch etwas ganz anderes?

Nein, Roberts Verhalten lässt sich nicht allein mit seiner Vergangenheit erklären. Er ist mein Lieblingscharakter. Für mich ist er in gewissem Sinn perfekt. Er ist nicht nur hochintelligent, sondern auch hochsensibel. Seine emotionale Kompetenz ist mindestens so groß wie sein IQ.

Wissen Sie schon bzw. können sie uns schon verraten, aus wessen Sicht der erste und/oder die folgenden Bände aus Season 2 erzählt werden?

Nein, konkret kann ich das noch nicht sagen und ich würde es auch nicht verraten. Es ist sehr spannend, wie meine Leser spekulieren und Vorschläge machen. Aber natürlich werden in der zweiten Staffel David und Rose stärker in den Vordergrund rücken. Gerade David ist für mich ein wichtiger Charakter, der bisher zu kurz gekommen ist.

Nach welchen Kriterien haben Sie den Schauplatz für Ihre Buchreihe ausgewählt?

LOST spielt auf einer Insel. Aber Inselgeschichten gibt es schon viele und kopieren wollte ich nichts. Insofern ist ein abgeschiedenes Tal eine echte Alternative. Nur so etwas gibt es in Europa nicht, da ist jeder Zentimeter erforscht und erreichbar. Kanada erschien mir daher geeignet. Außerdem ist es ein Land, das mich sehr interessiert. Eine Alternative wäre Sibirien gewesen, aber ich glaube, dahin wollen meine Leser nicht.

 Welcher Charakter aus dem Tal ist Ihnen am ähnlichsten?

Ich befürchte Katie. Coolness nach außen, ständig Stärke beweisen, Abenteuerlust, Leidenschaft, immer an die Grenze gehen. Das verstehe ich gut – ist aber auch anstrengend.

Welcher der Charaktere ist Ihnen am meisten ans Herz gewachsen und warum?

Robert. Wie ich schon gesagt habe: Intellektuelle Fähigkeiten in Einheit mit hoher emotionaler Kompetenz halte ich für sehr erstrebenswert.

Wie recherchieren Sie für Ihre Bücher?

Ganz unterschiedlich. Ich habe eine ziemlich große Bibliothek und zwar zu jedem Thema. Derzeit habe ich Bücher über unterirdische Höhlen, die Musikikonen der Siebziger Jahre, Mathematikbücher, Bücher über Kartografie auf meinem Schreibtisch liegen. Und ohne Internet geht gar nichts. Zudem bin ich immer auf der Suche nach Experten zu einem Thema. Freunde und Bekannte, die sich durch Spezialwissen auszeichnen. Sie sind sozusagen mein „Expertenjoker“.

Wie lange brauchen Sie um einen Band zu schreiben?

Drei Monate, aber das ist immer zu kurz. Ich bin aber auch ein Mensch, der unter Druck sehr gut arbeiten kann. Leider. Ich wünschte mir, ich könnte ganz idyllisch vor mich hinschreiben. Aber das funktioniert nicht – da werde ich ziemlich schnell undiszipliniert. Und Disziplin ist für einen Autor eine ziemlich wichtige Fähigkeit.

Mich würde interessieren, inwieweit Sie bei der Covergestaltung mit einbezogen werden? Hat man als Autor am deutschen Buchmarkt überhaupt die Chance eigene Ideen und Vorstellungen einzubringen?

Aber ja doch – wobei ich bei der Covergestaltung mich nicht sehr einmische. Ich bin Schriftstellerin und keine Grafikerin.
Und das ist auch gut so. Aber in den Geschichten steckt 100 % Krystyna Kuhn. Andererseits kann ich gut im Team arbeiten. Ich habe schließlich sieben Geschwister. Da lernt man zu verhandeln und zu streiten. Nein, ich habe kein Problem damit, Ideen zu diskutieren. Ich finde das sogar sehr spannend.

Ich habe gehört, dass Ihre Romane verfilmt werden. Stimmt das? Wenn ja, welcher?

Das ist ein Gerücht. Bis jetzt.

Was machen Sie bei Schreibblockaden oder kennen sie so ein kreatives Loch gar nicht?

Schreibblockaden kenne ich nicht. Bei mir besteht eher das Problem, dass ich an meine Grenze gehe wie Katie. Dann muss ich einfach ein – zwei Tage Pause machen und weiter geht es.

Sie haben ja vorher auch Kriminalromane für Erwachsene geschrieben. Wie sind Sie auf die Idee gekommen nun im Bereich Jugendliteratur Bücher zu schreiben?

Das war nicht meine Idee, sondern der „Arena“ – Verlag kam auf mich zu, da sie für die Reihe Mädchenthriller Autorinnen suchten, die bereits im Erwachsenenbereich veröffentlicht haben. Für mich war das allerdings ein Glücksfall, denn dieses Genre liegt mir viel mehr.

Ist es für Sie ein großer Unterschied für Jugendliche oder Erwachsene zu schreiben und was gefällt Ihnen persönlich mehr?

Ich weiß nicht, ob es ein großer Unterschied ist. Aber es kommt darauf an, dass man als Autor seine Leser findet. Die Jugendlichen nehmen meine Bücher sehr gut an. Offenbar lieben sie die Geschichten, die ich zu erzählen habe. Erwachsene sind sehr kritisch, logisch, verlieren sich nicht so schnell in Geschichten. Und im Jugendbuchbereich hat man ein größeres Spektrum. Man kann mehr ausprobieren. Fantasy, Krimi, Abenteuerromane. Das lässt sich sehr gut verknüpfen. Bei Erwachsenen ist man sehr schnell auf ein Genre fixiert.

Lesen Sie selbst und falls ja haben Sie eine/n Lieblingsautor/in und ein Lieblingsbuch?

Ein Autor, der nicht liest, entwickelt sich nicht weiter. Man braucht ja auch ständig Input. Mein allerliebster Autor ist Tolstoi. Und was moderne Genreliteratur betrifft, so lese ich gerne Stephen King. Er hat so tolle Plots. Und Elizabeth George – sie schreibt tolle Dialoge. Es gibt aber auch viele deutsche Autoren, die ich sehr bewundere wie Zoran Drvenkar, Jan Costin Wagner, Isabel Abedi, Cornelia Funke.

Lesen Sie gerne aus Ihren eigenen Büchern vor Publikum oder kostet Sie das immer eine gewisse Überwindung?

Es ist immer eine Herausforderung, sich einem Publikum zu stellen, aber ich mache das wirklich sehr gerne. Gerade auch bei Jugendlichen, die denken – oh, Lesung ist blöd, aber Hauptsache der Unterricht fällt aus. Und dann sind sie danach doch glücklich.

Sie sind in einer großen Familie aufgewachsen. Wie ist ihr Kontakt zur Familie heute?

Sehr gut. Wir leben alle in der Nähe und ich wüsste nicht, was ich ohne meine sieben Geschwister machen sollte. Ich kann mir nicht vorstellen, nur eine Schwester oder einen Bruder zu haben. Manchmal ist das natürlich auch sehr nervenaufreibend. Aber auch vergleichbar mit den acht Studenten im Tal. Wenn es darauf ankommt, sind sie da.

Worauf sind Sie stolz, Frau Kuhn?

Stolz ist ein schwieriges Wort. Ich würde eher sagen glücklich. Ich bin verdammt glücklich, dass ich den Mut hatte, meinen Traum zum Beruf zu machen und davon leben zu können.

Haben Sie literarische Vorbilder?

Für mich sind alle Autoren Vorbilder, die es schaffen, Klassiker zu schreiben wie Astrid Lindgren, Erich Kästner, Paul Maar, Cornelia Funke.

Vielen Dank Frau Kuhn für die Beantwortung der Fragen. Ich bin schon sehr gespannt auf Das Tal Season 1.4. Die Prophezeiung.
Außerdem gilt mein Dank Frau Blümcke vom „Arena“ – Verlag, die dieses Interview erst möglich gemacht hat.

Die Bücher aus der Verlosung gingen bereits an
Anette L.
Iris G.
Stephanie K.
Herzlichen Glückwunsch!

Autorenfoto © Hartmut Schröder
Die Interviewfragen stammen u. a. aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten“