Interview mit Sven Koch

Ich habe auch immer den gleichen Platz zum Schreiben, es stören nur manchmal die Schreie der Opfer auf den Streckbänken

 

Wie schafft man es als Journalist, Fotograf und Musiker auch noch die Zeit zu finden solch einen brillanten Debütroman  wie den „Purpurdrache“ zu schreiben?

Danke für die Blumen. Die Zeit muss man sich einfach nehmen, und ich mache ja auch nicht alles gleichzeitig. Allerdings habe ich das Glück, relativ schnell schreiben zu können, und das Schreiben fällt mir auch nicht schwer. Wenn ich mich an einem Abend hinsetze, tippe ich durchaus mal sechs bis acht Seiten in der Zeit, in der andere vielleicht zwei Folgen CSI sehen.

Sie spielen in diversen Punkrock- und Rockabilly-Bands, hat das Einfluss auf ihren Roman gehabt?

Vielleicht hilft Musik etwas dabei, ein Gefühl für Rhythmus, Dynamik und Struktur zu entwickeln. Abgesehen davon mag ich es, wenn es knallt und rockt – auch in Romanen. Ansonsten helfen die Musik-Erfahrungen etwas auf anderer Ebene. Ich finde zum Beispiel, dass Musik die Zuhörer möglichst gut unterhalten sollte – und dass eine CD immer auch ein Teamwork aus Musikern, Produzenten, Labeln und anderen Beteiligten ist. Genau wie ein Buch.

Welches Instrument spielen Sie?

Ich spiele Bass und ein wenig Gitarre für den Hausgebrauch. Zu mehr hat es nicht gereicht. Aber Noten lesen kann ich nicht – wie die wenigstens Rockmusiker. Braucht man auch nicht.

Welche ihrer kreativen Tätigkeiten ist ihnen die Liebste und warum?

Musik und Fotografie zähle ich zu meinen Hobbies. Schreiben ist als Tageszeitungsredakteur ja auch mein Beruf, und die Konstante in meinem Leben ist das Schreiben – ich habe schon als kleiner Junge Geschichten in die Schreibmaschine meiner Mutter getackert oder in Schulhefte gekritzelt. Schreiben macht es möglich, mit nur wenigen Sätzen ganze Filme im Kopf anzustoßen – ohne Millionenbudget und schwierige Stars, ohne Licht, Tricktechnik und Soundtrack. Alles nur mit Worten – die einen tagelang fesseln und in Atem halten können. Das finde ich faszinierend. (Anmerkung von Ricarda Ohligschläger: Das der schönsten Sätze, den ich bisher in einem Interview lesen durfte, Danke!)

Wie lange haben sie gebraucht, um ihr Buch fertig zu schreiben?

Der „Purpurdrache“ ist nicht in einem Rutsch entstanden. Aber für die erste Fassung habe ich zusammengerechnet etwa ein halbes bis dreiviertel Jahr gebraucht.  

Haben Sie vor dem Schreiben ein Gesamtkonzept entwickelt, oder hat sich die Geschichte erst langsam während des Schreibens entwickelt?

Ich bin nicht so gut im Planen. Mir reicht ein grobes Raster mit den dramaturgischen Eckpunkten und dem Kern dessen, was ich erzählen will. Der Rest füllt und aktualisiert sich während des Schreibens – und dann noch mal in der Phase der Überarbeitung. So war das auch beim „Purpurdrachen“: Zunächst eine grobe Skizze auf die Leinwand, dann das Bild in den Grundzügen – und hinterher die Farbtupfer und feinen Details.

Was war zuerst da: Der Wunsch ein Buch zu schreiben oder die Idee zu „Purpurdrache“? Oder kam sogar beides gleichzeitig zusammen?

So genau kann ich das nicht auseinanderhalten. Meist passiert alles gleichzeitig und ist von der Idee beseelt: Das könnte ein Roman werden und dieser Roman vielleicht ein Buch, wenn er gut ist. Der Wunsch allein, ein Buch zu schreiben, hilft nach meiner Erfahrung nicht weit. Der zündende Funke muss schon am Anfang stehen.

Dieses Buch ist ihr erster Thriller. Wie sah Ihre Inspiration für dieses Buch aus? Haben Sie sich zuvor stark mit Psychologie und der Psyche von Mördern auseinandergesetzt?

Ich habe mich lange und viel für Psychologie interessiert – und  einmal ein Buch vom FBI über Profilerstellung, die Protokolle der Frtiz-Haarmann-Akten und solche Sachen gelesen, weil mich interessiert hat, was Täter antreibt. Außerdem lese ich gerne entsprechende Thriller. Die Inspiration zu „Purpurdrache“ war aber eine andere: Ich hatte über Substanzen gelesen, die in der Behandlung von Trauma-Patienten eingesetzt werden können, aber auch dazu taugen, Spezialeinheiten die Angst im Einsatz zu nehmen. Ich habe mich gefragt: Was passiert mit uns ohne Angst und Furcht vor Konsequenzen? Der Rest hat sich dann ergeben.

Wird es eine Fortsetzungen oder noch weitere Bücher hierzu geben? Wird Ihr nächstes Buch, falls Sie denn schon eines planen, in die Richtung Thriller gehen, oder wählen Sie sich ein anderes Genre? Ist dieses Buch eventuell sogar der Auftakt zu einer Serie?Das Buch ist der Auftakt zu einer Serie, und es wird zunächst zwei weitere Romane um die Kriminalpsychologin Alex geben. Der nächste ist bereits fertig. Natürlich handelt es sich jeweils um Thriller, und die nächsten Fälle werden Alex ganz schön zu schaffen machen.

Wie haben Sie recherchiert? Haben sie sich Ideen für den Roman auch aus Ihrem realen Umfeld geholt? Wenn ja, woher?

Als Journalist bekommt man so dies und das mit, blickt hinter Kulissen und ist an manchen Geschehnissen nahe dran. Wenn man sich zugleich gerne Geschichten ausdenkt, packt man das eine oder andere Erfahrene in die Schublade mit der Aufschrift: „ Kannste noch mal brauchen.“ Natürlich verwebt sich das Reale und das Fiktive beim Schreiben irgendwie alles ineinander. Mein reales Umfeld dient aber allenfalls als Basis für Romanideen, die sich dann nach dem Prinzip „Was wäre, wenn“ fortentwickeln. Ich habe einmal über eine Geiselnahme in einem Kindergarten geschrieben – sie ging glücklicherweise nicht so aus wie im „Purpurdrachen“. Ich habe mir aber durchaus gedacht: Mensch, wenn hier jetzt nur einer mal einen Fehler macht, dann bricht die Hölle los.

Wie entstehen bei Ihnen besonders brutale Szenen?

Gelegentlich habe ich eine spezielle Idee, und ich versuche dann, sie zu choreografieren oder dramatisch zu inszenieren, damit sie gut wirkt und das jeweils Markante oder die Funktion der Szene unterstreicht. Ich bin da ein wenig filmisch geprägt und lasse mich gerne visuell leiten, auch in der Montage von Ereignissen. Dabei liegt die Kunst durchaus im Weglassen – und lustiger Weise halten viele Leser besonders die Bücher für sehr brutal, in denen Gewalt eher zwischen den Zeilen geschildert wird und erst im Kopf des Lesers entsteht. Manchmal fließt das Blut aber auch einfach so aus meinen Fingern heraus.

Mich würde es interessieren ob es nötig war sich während des Schreibens manchmal in eine bestimmte Stimmung zu bringen bzw. sich an einen besonders düsteren Ort zurückzuziehen, um sich besser in die Story bzw. den Protagonisten zu versetzen?

Nein, gar nicht. Für das Schreiben brauche ich nicht das, was ein Schauspieler etwa beim „Method Acting“ verwendet. Ich habe auch immer den gleichen Platz zum Schreiben, es stören nur manchmal die Schreie der Opfer auf den Streckbänken… Nein, es ist ein völlig normaler, heller Büroraum in einer Altbauwohnung, in dem ein I-Mac steht. Mehr brauche ich nicht – außer vielleicht einem Kaffee und einer Zigarette.

Ich habe die Leseprobe von „Purpurdrache“ mit Begeisterung gelesen und die Hauptperson Marlon ist wie der Autor selbst Journalist. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Hauptperson einige Journalistenklischees zugeschrieben werden (schnelle Autos, ewiger Junggeselle und ich glaube auch Drogen). Mich würde nun interessieren Sie dies überspitzt dargestellt haben oder ob Sie das in Ihrem Alltag als Journalist bei Kollegen tatsächlich so wahrnehmen?

Sind das die Klischees? Dann haben wir uns ja verbessert. Ich dachte immer, wir sitzen halb besoffen mitten in der Nacht hinter einer alten Olivetti und treffen gelegentlich Typen namens „Deep Throat“ in Parkhäusern, um subversive Informationen in braunen Umschlägen zu erhalten 😉 Tatsächlich kenne ich keinen, der solche Klischees erfüllt. Weder die einen, noch die anderen. Natürlich aber kenne ich einige Kollegen vom Boulevard, und die ticken nun einmal anders als Nachrichtenleute einer Tageszeitung. Ein Polizeireporter ist natürlich abgebrühter als ein Kulturredakteur. Und sie alle machen ja auch jeweils ganz etwas anderes. Was jedoch Marlon Kraft aus dem Roman betrifft: Er würde auch als Bäcker oder Lackierer so drauf sein wie er es ist. Der Beruf des Journalisten ermöglicht ihm im Roman eher, glaubwürdig selbst zu ermitteln, weil er weiß, wie man recherchiert – und es stellen sich in dem Job oft Fragen der eigenen Verantwortung, die im Roman ebenfalls eine Rolle spielen.

Wie kommt man auf den Namen Stietencron ?

Es war eigentlich erst ein Platzhalter, der sich verfestigt hat. In Bad Salzuflen, wo ich einige Zeit gearbeitet habe, gibt es ein Schloss Stietencron – es sieht aus wie so ein kleiner fürstlicher Landsitz. Ich habe mir immer vorgestellt, dass Alex in einer Villa in Düsseldorf aufgewachsen ist, die so ähnlich aussieht.

Bei Ihrer Arbeit als Redakteur einer Zeitung, decken Sie da einen bestimmten Bereich ab oder schreiben Sie über alle Themen?

Ich arbeite im Lokalen, und da deckt man eigentlich alle Themen ab. Meine Schwerpunkte liegen aber im Bereich Nachrichten/Politik, und ich vertrete bisweilen meine Kollegin von der Kultur.

Herr Koch, das Zitat von Rainer Maria Rilke „Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten uns einmal schön und mutig zu sehen“, haben Sie das schon gekannt und gleich gewusst: Das verwende ich für mein Buch! oder fanden Sie es überraschend und dachten sofort begeistert „oh großartig, das passt ja wunderbar zu meiner Geschichte“!?

Ich fand, es passte gut zu meiner Geschichte. Ich kannte es schon vorher – genau wie den Song der Smashing Pumpkins mit dem Zitat „The killer in me is the killer in you“, den ich dem Roman ebenfalls voranstelle. Das Rilke-Zitat sagt unter anderem, dass Ängste eine gute Sache sind, weil sie uns provozieren, sie zu überwinden, ins Gegenteil zu verkehren und sie als Herausforderung zum persönlichen Wachstum zu sehen – und, dass das Böse das Gute zum Vorschein bringen kann. Außerdem war das mit den Drachen so schön plakativ.

Haben Sie sich nach diesem Thriller auf ein Genre festgelegt oder würden sie auch in anderen Bereichen schreiben wollten, z.B. Kinder- oder Jugendbücher?

Meine Ideen laufen irgendwie immer auf Thriller hinaus – auch früher schon, und in dem Genre gibt es ja eine Menge verschiedener Abenteuer-Spielplätze. Ich fürchte aber, Kinder- und Jugendbücher sind nicht so meine Baustelle – doch ich schließe grundsätzlich gar nichts für mich aus.

Wie fühlt man sich, wenn man das erste Mal sein eigenes fertig gedrucktes Buch in den Händen hält?

Einerseits will man es ungläubig immer ansehen und anfassen und sagen: „Meins, Finger weg!“ Andererseits ist es auch ein wenig traurig und hat etwas von Abschied, weil ab jetzt ein Traum weniger in Erfüllung gehen kann. Hört sich vielleicht etwas blöd an, war aber so. 

War es schwer für Sie einen Verlag für ihr Buch begeistern zu können?

Das hat gottseidank meine Agentur Schmidt & Abrahams übernommen. Meine Agentin Natalja Schmidt hat mich jedenfalls nur wenige Wochen, nachdem sie das Manuskript geprüft und angenommen hatte, angerufen und gesagt, dass renommierte Publikumsverlage, darunter Droemer-Knaur, sehr interessiert seien.

Gibt es Dinge, ohne die Sie verloren wären, Herr Koch?

Internet. Mein I-Mac und mein Auto. Kaffee. Kugelschreiber. 

Wenn Sie einen Abend lang mit einem Autor/Autorin Ihrer Wahl (egal ob tot, oder lebendig) verbringen dürften, wer wäre es und was wäre die erste Frage Sie du ihm/ihr stellen würden?

Ich könnte mir gut vorstellen, mit Jo Nesbo mal ein paar Bier zu trinken, der ja auch lange Musik gemacht hat, und ihn als erstes wahrscheinlich fragen, ob er zu einer Verfilmung seiner Harry-Hole-Romane den Soundtrack selbst machen würde – und wie der dann klänge.

Welches Buch hat Sie zum letzten Mal so richtig gepackt und welches würden Sie weiterempfehlen?

Zuletzt wirklich heftig gepackt hat mich ein älteres, und zwar „Der Flug der Störche“ von Jean Christophe Grangé. Unbedingt weiter empfehlen würde ich das mit dem Pulitzer-Preis gekrönte „Die Abenteuer von Kavalier & Clay“ von Michael Chabon, das wirklich fabelhaft, episch und atemberaubend recherchiert von der Entwicklung des Superhelden-Comics als amerikanische Kunstform und der Geschichte zweier Freunde erzählt. So richtig zehrt man davon, wenn man wie ich Comics mag – vor allem die alten.

Vielen Dank Herr Koch für die Beantwortung der Fragen. Ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung der Reihe rund um Alex.
Die Bücher aus der Verlosung gehen in den nächsten Tagen an
Silvia K.
Janine
Sabrina G.
Herzlichen Glückwunsch!

Autorenfoto © Bernhard Preuß
Die Interviewfragen stammen u. a. aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten“

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