Interview mit Ines Thorn

Das Wissen, dass bestimmte Bücher sich an einer bestimmten Stelle in meinem Bücherregal befinden, beruhigt mich sehr

 

Sie schreiben historische Romane und ich kann mir vorstellen, dass die Recherche viel Zeit in Anspruch nimmt. Haben Sie jemals daran gedacht zum Beispiel einen Thriller zu schreiben, etwas Genrefremdes?

Oh ja, das habe ich natürlich. Ich lese sehr gern Thriller und Kriminalromane und es reizt mich sehr, mal selbst ein solches Manuskript zu verfassen. Allerdings habe ich keine Ahnung, ob ich das überhaupt kann. Die Dramaturgie ist eine ganz andere. Und obendrein bleibt die Frage: Wollen die Leser meiner Bücher einen Krimi?

Welchen Tipp würden sie einer Hobbyautorin mit entsprechenden Vorkenntnissen geben, die einen historischen Roman schreiben möchte?

Schreiben ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Jeder Autor hat seine ureigene Vorgehensweise. Jedoch würde ich allen neuen Autoren raten, sich unbedingt einen Agenten zu suchen, da unverlangt eingesandte Manuskripte es in den Verlagen nicht immer bis auf den Schreibtisch eines Lektors schaffen. Ein Agent dagegen weiß sehr genau, welcher Verlag welches Programm hat und ist auch ein Garant dafür, dass die Qualität des Manuskriptes den Anforderungen entspricht.

Alle Bücher, die ich bisher von Ihnen gelesen (und gehört) habe, zeichnen sich durch eine ganz besondere, sehr schöne Sprache aus. Haben Sie unter all ihren Romanen einen ganz besonderen Liebling, von dem Sie der Meinung sind, dass Liebhaber historischer Romane und natürlich Ihre Fans ihn unbedingt gelesen haben sollten?

Mir sind die Bücher, die zuletzt erschienen sind, immer besonders nahe. Aber das geht wohl allen Autoren so. Trotzdem habe ich tatsächlich ein Lieblingsbuch unter all meinen Lieblingen. „Der Maler Gottes“, ein Roman über Matthias Grünewald, den Schöpfer des Isenheimer Altars.

Wie lange schreiben sie an einem Roman und wie muss man sich diese Recherche Arbeiten vorstellen?

Auch bei den Vorbereitungen zu einem Roman hat wohl jeder Autor seine eigenen Gepflogenheiten. Ich lege mir stets Ordner an, notiere auf Zettel, was in einem Kapitel grob vor sich geht und recherchiere dann. Wenn also im 1. Kapitel steht: Gustelies besucht eine Seifensiederin, dann recherchiere ich zunächst die Arbeit einer solchen. Die entsprechenden Notizen werden im Hefter abgelegt usw. Am Ende der Vorbereitungen habe ich einen dicken Ordner, aus dem ich sozusagen „nur noch abschreiben“ muss. Die eigentliche Schreibarbeit geht dann relativ schnell; sie dauert ungefähr vier Monate.

Ich wüsste gern, wie man bei der Recherche für einen historischen Roman vorgeht und wie lange solche Recherchearbeiten dauern.

Die Dauer der Recherche hängt natürlich vom Vorwissen ab. Im ausgehenden Mittelalter kenne ich mich inzwischen recht gut aus, so dass bestimmte Rechercheschritte nicht mehr notwendig sind. Meine Vorgehensweise habe ich oben schon beschrieben, dazu lese ich natürlich sehr viele Bücher über die behandelte Zeit, schaue die entsprechenden Filme und höre die Musik dazu.

Woher kommen die Ideen und was ist bei Ihnen zuerst da: die Geschichte für einen Roman, oder das historische Thema das Sie interessiert?

Ich habe keine Ahnung, wie die Ideen in meinen Kopf kommen. Die sind irgendwie auf einmal da. Anregungen findet man ja überall. Da ist ein fremdes Gespräch in der U-Bahn, ein Zeitungsartikel, die Erzählung eines Freundes, manchmal sogar ein Traum. Meist ist bei mir zuerst die Geschichte da, dann kommt der historische Rahmen. Die Geschichte wird dann natürlich von den gesellschaftlichen Bedingungen beeinflusst und ändert sich mitunter auch.

Wie sieht so ein Schreibprozess aus? Haben Sie schon Ideen für ein neues Projekt geschmiedet, wenn ja – worauf darf man gespannt sein?

Ich habe gerade einen Roman beendet, der jetzt noch durch das Lektorat gehen wird. Es handelt sich dabei um eine Geschichte aus Nordhessen, die Anfang des 16. Jahrhunderts spielt. Die Hauptfiguren sind der Exorzist des Erzbischofs von Mainz und seine junge Gehilfin, das Mädchen Karla.

Wie entspannen Sie am liebsten, wenn die Luft raus ist – und der Kopf am brodeln ist?

Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht so genau, was Entspannung ist. Der Kopf denkt doch eigentlich immerzu. Ich bin sehr gern auf dem Land, gehe dort stundenlang mit meinem Hund spazieren. Sehr gern treffe ich mich auch mit Freunden auf einen Kaffee oder ein Glas Wein.

Wie wichtig sind Ihnen die Meinungen der Leser?

 Die Meinungen der Leser sind wahrscheinlich für jeden Schriftsteller von enormer Bedeutung; schließlich schreiben wir die Bücher ja für die Leser und nicht für uns selbst. Ich arbeite jeden Freitagnachmittag in einer Frankfurter Buchhandlung, damit ich mitbekomme, was die Leute derzeit gern lesen, was ihnen gefällt, was ihnen nicht so gut gefällt. Zu den eigenen Büchern bekommt man ja meist Lob. Aber in den Rezensionen stecken manchmal die Kritiken. Und die gilt es dann besonders aufmerksam zu lesen.

In ihrer Biographie schreiben Sie darüber, dass Sie sich durch ihre Lieblingsautoren inspirieren lassen haben, um am eigenen Stil zu feilen. Ich hätte gerne gewusst, welche Autoren Sie besonders mögen.

Ich bin ein großer Fan von John Updike, Philippe Claudel, Siri Hustvedt und Nicole Krauss. Aber ich lese auch sehr gern die Bücher von Judith Lennox oder Kate Morton. Lernen kann man von jedem Autor. Dramaturgische Probleme löse ich meist mit Hilfe von amerikanischen Fernsehserien. Desperate Housewives zum Beispiel. Die Dramaturgie dieser Serie habe ich schon oft verwendet. Auch die Serie „Six feet under“ hat mir schon sehr geholfen.

Gibt es nebst dem Schreiben noch eine andere Leidenschaft?

Nicht so richtig. Wenn ich nicht schreibe, dann lese ich. Aber eigentlich geht es in meinem Kopf immer nur um das Schreiben. Ach ja, ich verreise sehr gern. Zählt das auch? Allerdings denke ich in den fremden Ländern auch schon wieder darüber nach, wie man daraus am besten einen Roman machen könnte.

Schreiben Sie nur noch historische Romane, oder kommt vielleicht nochmal so etwas wie „Die Spiegeltänzerin“ von Ihnen?

Das weiß ich nicht, hoffe es aber. Im Augenblick stehen keine zeitgenössischen Projekte an.

Schreiben Ihre Kinder auch?

Meine Tochter arbeitet als Redakteurin bei einer Zeitung. In diesem Sinne schreibt sie also auch. Aber Romane sind nicht so ihr Ding, denn die erinnern sie immer an die Hausarbeiten während des Studiums. Außerdem findet sie das Bücherschreiben eher langweilig. Schließlich arbeite man ja dabei die meiste Zeit allein vor sich hin.

Lesen Sie selbst in ihrer Freizeit auch nur historische Romane?

Nein, gar nicht. Ein Zahnarzt bohrt ja abends nach der Tagesschau auch nicht seiner Familie schnell noch ein paar Plomben auf. Ich lese sehr gern englische und amerikanische Autoren, möchte zu gern wissen, wie die Autoren anderer Länder schreiben.

Was ist das für ein Gefühl, zu den erfolgreichsten Autoren historischer Romane zu gehören. Ist es ein anderes, als wie zu Zeiten weniger Bekanntheit? Angenehmer? Wie geht man damit um?

Schriftsteller wie ich sind eigentlich nicht bekannt. Ich lebe und arbeite wie die meisten anderen Menschen auch, gehe einkaufen, ärgere mich, wenn mir jemand dabei seinen Einkaufswagen in die Hacken rammt, schimpfe über das Fernsehprogramm, würde gern Kuchen backen können, lerne es aber nie, besuche die Eltern, gehe wählen, bezahle Steuern und frage mich, warum der Kaffee derzeit so unverschämt teuer ist. Ich habe seit Jahren dieselben Freunde, denselben Mann und dieselbe Friseurin und nicht vor, daran etwas zu ändern.

Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden?

Meine Mutter behauptet, ich wollte schon als Kind Schriftstellerin werden. Ich kann mich daran nicht mehr so genau erinnern, aber ich denke oft, dass auch viele andere Lebensformen befriedigend gewesen wären. Sehr gut könnte ich mir ein Leben als Wissenschaftlerin vorstellen, manchmal wäre ich auch gern eine Ökobäuerin, dann wieder Schauspielerin, Kaffeehausbesitzerin, Schneiderin. Derzeit ist mein Lieblingsberufswunsch für das nächste Leben: Sprachprofilerin bei der Kriminalpolizei.

Gibt es Dinge, ohne die Sie verloren wären, Frau Thorn?

Jede Menge. Ich fühle mich sehr unbehaglich, wenn ich auf Reisen meine Zahnbürste vergessen habe.
Ich benötige zu meinem Glück eine ganz bestimmte Decke, ohne die ich nicht einschlafen kann. Das Wissen, dass bestimmte Bücher sich an einer bestimmten Stelle in meinem Bücherregal befinden, beruhigt mich sehr.
Wirklich verloren aber wäre ich ohne meinen Mann.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, wie sähen diese aus?

1.  Mühelos fremde Sprachen lernen können.

2.  Sehr gut Klarinette spielen können.

3.  Ich würde zu gern einmal den Maler Matthias Grünewald treffen.

Liebe Ines, ich danke Ihnen – auch im Namen der Leser – für diesen interessanten Einblick in Ihren Autorenalltag und freue mich auf weitere Buchneuerscheinungen von Ihnen!

Die Bücher aus der Verlosung gingen bereits an

Tanja J.
Sabine N.
Mandy T.

Die Interviewfragen stammen u. a. aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten“
Autorenfoto (c) Jochen Schneider

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