Renate Ahrens – Fremde Schwestern

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Manchmal braucht es nur wenig Worte und eine einfache eindringliche Sprache, um große Emotionen hervorzurufen

Die Drehbuchautorin Franka wird eines Morgen aus dem Bett geklingelt. Vor der Tür findet sie ein verwahrlostes Mädchen, völlig durchnässt und ohne Schuhe. Es ist die siebenjährige Merle, in Begleitung ihrer Mutter Lydia – Frankas Schwester! Die zwei Frauen haben sich seit Jahren nicht gesehen. Zu tief sind die Gräben, die die Vergangenheit und der Hass durch die Biographien der beiden gezogen haben.

Da ist Franka die kinderlose, streng strukturierte große Schwester, die den Vater nur durch gute Noten ein bisschen Zuneigung abgewinnen konnte. Immer darauf bedacht Lydia vor dem leeren Blick der Mutter, einer erfolglosen Schauspielerin und dem herrischen Ton des Vaters zu beschützen. 
Lydia driftet schon mit vierzehn Jahren in die Drogensucht ab und die Mutter versuchte die eh nicht vorhandene, heile Familienwelt aufrecht zu erhalten und versinkt dabei immer tiefer in ihre Depressionen.
Das unwillkommene zweite Kind lehnte der Vater strikt ab. Er wollte kein weiteres Kind und blieb seiner jüngeren Tochter fremd. Sein Unglück über seine Ehe ließ er Franka umso mehr spüren.
Während Lydia und die Mutter in Traumwelten lebten, versuchte die Ältere den Spagat zwischen Tochter und Ersatzmutter zu meistern.

Nun steht Franka wieder vor einer Herausforderung und wieder einmal ist es die Schwester, die sie fordert, denn Lydia ist an Hepatitis C erkrankt und kommt kurze Zeit später in ein Krankenhaus.
Merle bleibt bei der Tante, die mit der Situation völlig überfordert ist und das Kind ablehnt. Das Mädchen spürt die Abneigung und wird ungewollt zu einem Spielball zwischen den Schwestern. Doch nach und nach gewinnt Franka Merles Vertrauen und zwischen den verfeindeten Frauen beginnt so etwas wie Verbundenheit zu keimen – bis Lydia flieht.

Zuerst sei erwähnt, dass ich dieses Buch an einem Stück gelesen habe und es erst vor wenigen Minuten aus der Hand gelegt wurde – immer noch hier sitzend mit einem dicken Kloß im Hals, denn die Geschichte verlangt dem Leser so Einiges ab.

Nicht nur die reduzierte, eindringliche Sprache, sondern auch das Bildnis der Schwestern und die Handlung an sich sorgen für unzählige widersprüchliche Emotionen.
Abneigung, Mitgefühl, Spannung, Erschütterung – die emotionale Achterbahn zog mich unaufhaltsam mit!

Frankas Abneigung gegenüber der kleinen Merle ist auf den ersten Seiten so spürbar herauszulesen, dass ich regelrecht gewillt war das Mädchen aus der Handlung zu zerren.
Der kleinen Heldin wird in dem Buch meiner Meinung nach der stärkste Part gewidmet. Während sie zuerst ihre Grenzen bei Tante Franka auslotet und damit den Wahrheitsgehalt der Worte ihrer Mutter, die die Schwester als herzlos darstellt, prüft, knüpft sie nach und nach eine Verbindung zwischen den zerstrittenen Fronten.
Ihre Verletzlichkeit und Sturheit ist lediglich Zeichen ihres kindlichen Gemüts, denn trotz aller Stärke ist sie eben das: ein Kind.

Man mag beim Lesen den Eindruck bekommen, dass sie Schwestern nichts mehr verbindet. Schlussendlich merkt man jedoch, wie sehr Lydia ihre große Schwester kennt. Sie weiß, dass sie sich zu hundert Prozent auf sie verlassen kann. Manchmal braucht es dazu ein bisschen Antrieb und eine gewisse Anlaufzeit oder eben radikale Methoden. Auch wenn diese schmerzvoll für alle anderen Beteiligten enden!
Die enge Vertrautheit der Schwestern wird nicht durch Worte dargestellt, sondern durch die Handlung und man muss schon ein bisschen zwischen den Zeilen lesen, um die ganze Kraft der Emotionen zu spüren.
Ähnlich ist es mit der Charakterisierung der Protagonisten. Trotzdem bleiben sie nicht blass, sondern präsentieren sich facettenreich und nachvollziehbar.
Meiner Meinung nach lässt sich die am ehesten durch ihr Handeln beschreiben. Die eine Schwester muss für alles einen Plan haben und die andere macht eher durch einen chaotischen Lebenswandel auf sich aufmerksam. Auch in ihren Beziehungen zu Männern unterscheiden sich beide. Frankas Angst sich zu binden ist der Gegenpol zu den wechselnden Männerbekanntschaften ihrer Schwester.

Ich weiß nicht, was ich noch schreiben könnte – die Worte würden eh nicht reichen und in meinen (hoffentlich nicht!) wirren Zeilen wird man meine heftige Reaktion auf das Buch ja bereits nachvollziehen können.

Mich hat „Fremde Schwestern“ ungebremst mitgerissen, berührt und aufgewühlt zurück gelassen.

Fazit: Manchmal braucht es nur wenig Worte und eine einfache eindringliche Sprache, um große Emotionen hervorzurufen. Renate Ahrens liefert genau das mit ihrer außergewöhnlichen Geschichte zweier Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein können.
© Ricarda Ohligschläger

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mellie sagt:

    Nein, deine Worte sind nicht wirr.
    Im Gegenteil, sie berühren in mir etwas, was vorher gelesene Resenzionen nicht fertig brachten.
    Zudem schätze ich es enorm, deine persönlichen Gefühle zu lesen zu einem Buch und nicht nur eine Beschreibung des Buches, der Sprache etc.
    Deine eindrücklichen Worte und dein tief berührtes Gefühl, lassen mich dann auch schlußendlich dieses Buch auf meinen Wunschzettel hinzufügen!
    Mal wieder danke dafür 🙂

  2. Anke :D sagt:

    Das werden sogar Lesemuffel neugierig aufs Lesen 🙂

    LG und schönes Wochenende 😀

  3. Claudi sagt:

    Habe gestern schon verfolgt, dass Du dieses Buch liest und habe direkt bei Amazon nachgeschaut. Wurde durch die Kurzbeschreibung aber nicht gelockt. Nachdem ich Deine Meinung gelesen habe werde ich es mir jetzt doch besorgen. Alleine durch Deine intensive Beschreibung der Charaktere, habe ich den Wunsch, dieses Buch auch zu lesen.

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