Interview mit Ulf Schiewe

Meine Figuren entsprechen keinem Schwarz-Weiß-Klischee, sondern sind Menschen wie wir, mit Stärken und Schwächen, mit Ehrgeiz und Selbstzweifeln, gefangen in Konflikten, die sich aus den Umständen ergeben

Lieber Herr Schiewe, ich freue mich sehr, dass Sie die Zeit gefunden haben an dieser Aktion teilzunehmen. Können Sie sich vorstellen auch mal einen Ihrer historischen Romane in deutschen Gefilden spielen zu lassen oder bevorzugen Sie das Ausland – vor allem die Provence – und wenn ja warum?

Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Und dem stünde natürlich gar nichts entgegen.

Andererseits hatte ich schon als Junge so einen Hang für das Exotische, das Ferne. Ich habe Bücher von Weltumsegelungen verschlungen, von Abenteuern in der Karibik oder bei den Azteken. Natürlich Karl May ohne Ende und oft unter der Bettdecke mit einer Taschenlampe. Diese Faszination bin ich nicht losgeworden.

Später hat es mich ins Ausland verschlagen, wo ich die meiste Zeit für internationale Firmen gearbeitet habe. Ich war lange in der romanischen Schweiz, in Paris und Brüssel. Auch in Schweden und Brasilien. Und ich bin ein großer Fan der Mittelmeerkultur, Südfrankreich, Spanien, Italien. Nicht nur in der Antike, sondern auch im Mittelalter stand hier noch zu einem großen Teil die Wiege Europas, wenn man sich überlegt, woher das Handelswesen kommt, die Minnedichtung, das städtische Leben, dann die Renaissance und die Blüte der Kunst. Deutsche Kaiser haben endlos Kriege in Italien geführt, unser Kaiser Friedrich II war eigentlich Sizilianer aus Normannengeschlecht und auch die Kreuzzüge begannen von Frankreich aus. In Deutschland liest man gern über das englische Mittelalter. Aber vergessen wir nicht, dass die englischen Könige Normannen waren, dass Richard Löwenherz Franzose war und sich kaum in England aufgehalten hat. Will man sich mit wichtigen Themen des Mittelalters beschäftigen, kommt man an diesen Regionen nicht vorbei, finde ich.

Könnten Sie sich vorstellen, dem Genre „Historische Romane“ auch einmal untreu zu werden und eventuell einen Roman zu schreiben, der in der Gegenwart oder vielleicht gar in der Zukunft spielt?

Durchaus. Science Fiction fesselt mich weniger, aber ich lese gern gute Thriller und könnte mir durchaus vorstellen, so etwas zu schreiben. Wer „Der Bastard von Tolosa“ oder jetzt „Die Comtessa“ liest, wird merken, dass Spannung für mich ein ganz wichtiges Element ist. Aber mit einem Thriller spräche ich andere Lesergruppen an. Jedenfalls sehen das die Verlage so. Aber ich bin deshalb nicht unglücklich, denn ich behandle sehr gern historische Themen.

Was hat sie dazu bewogen, diese historischen Bücher zu schreiben und können sie Jugendromane wie die „Biss“ – Bücher von Stephanie Meyer „ernst“ nehmen? Haben Sie diese eventuell sogar gelesen? Mit „ernst meinen“ ist gemeint, ob sie denen Achtung und Respekt zollen oder ob das für Sie absoluter Quatsch ist.

Nein, „Biss“ habe ich nicht gelesen. Aber warum sollte ich diese Romane nicht ernst nehmen? Mit Tolkien und J.K . Rowling wurde eine gewaltige Welle losgetreten. Ich fand Cornelia Funkes „Tintenherz“ wunderbar geschrieben. Viele Menschen lieben Fantasy. Es wird gern über den sogenannten „Eskapismus“ gelästert, aber wenn man will, sind alle Geschichten Eskapismus. Auch unsere Sagen oder Homers Ilias.

Im Grunde handeln Geschichten doch immer von menschlichen Themen, von Liebe, Tod und Geburt, von Eifersucht, Gier oder Verrat. Wenn junge Menschen die Helden in „Biss“ mögen und verschlingen, dann sprechen sie Themen an, die junge Leute umtreiben. Außerdem, Lesen ist immer noch besser als sich vom Fernsehen berieseln zu lassen.

Was mich betrifft, so interessiere ich mich für Geschichte. Weniger für trockene Daten, sondern für die menschlichen Schicksale dahinter. Ich mag das Fabulieren und Spinnen von Geschichten. Das ist mein Eskapismus. Deshalb lese ich gern gute historische Romane. Eigentlich bin ich durch eben solche Romane dazu gekommen, mehr über die jeweilige Epoche wissen zu wollen. Ich vermute, es geht dem einen oder anderen Leser meiner Bücher ebenso und er oder sie wird angeregt, mal in der Wikipedia zu stöbern oder sich einen weiteren Roman über die gleiche Epoche zu suchen.

Was fasziniert Sie am meisten an historischen Romanen?

Schon als kleiner Junge habe ich mir vorgestellt, wie die Menschen in den fernen Welten vergangener Jahrhunderte gelebt haben, wie es war, in einer römischen Schlachtreihe zu stehen oder in einem Wikingerschiff zu segeln. Deshalb macht mir auch die Recherche Spaß. Ich entdecke so viele faszinierende Einzelheiten.

Ein Roman ist ein Roman, ob historisch oder nicht, ist völlig egal. Mein vorrangiges Anliegen ist immer eine spannende Geschichte zu erzählen, von Schicksalen und Konflikten zu berichten, von Menschen in Ausnahmesituationen. Der historische Zusammenhang, in dem dies geschieht, übt da für mich nur noch einen zusätzlichen Reiz aus. Es ist wie eine Zeitreise in unsere eigene Vergangenheit. Wir entdecken unsere Wurzeln, den Ursprung unserer eigenen Werte. Dies erlaubt es manchmal, Probleme, die uns auch heute bewegen, vor diesem Hintergrund noch schärfer zu beleuchten.

Wie lange haben Sie für Ihren Roman „Die Comtessa“ recherchiert? Reisen Sie auch an die Orte über die Sie schreiben und recherchieren dort vor Ort?

Beim Schreiben der „Comtessa“ hatte ich den Vorteil, dass ich Region und Epoche schon von meinen Recherchen zum „Bastard von Tolosa“ kannte. Ich habe die Gegend diverse Male besucht und dazu noch wundervolle wissenschaftliche Werke aufgestöbert, die mir über die Lebensweise der Menschen, vom Kriegshandwerk bis zum Geldhandel, diese Welt vermittelt haben. Ich finde es besonders wichtig, dass man sich ein solides Basiswissen aneignet, auch über Traditionen, Handwerk, über gesellschaftliche Beziehungen, höfische Gepflogenheiten und vieles mehr. Natürlich findet immer nur ein Bruchteil der Recherche seinen Weg ins Buch, manchmal eine Landschaft, manchmal ein typisches Ritual, aber als Autor gelingt es einem so besser, das Feeling für Ort und Epoche zu vermitteln.

Die „Comtessa“ war eine begeisterte Förderin der Troubadour-Lyrik. So habe ich Einiges über Troubadoure gelesen, ihr Leben, ihre Ideen über Moral und Liebe, ihre Dichtung. Das alte, südfranzösische Okzitan ähnelt dem Katalanischen, und da ich Französisch und Portugiesisch spreche, die ja beide verwandt sind, habe ich die Gedichte, die im Buch vorkommen, mithilfe alter Glossare selbst übersetzen können.

Wie viel des Inhalts beruht in etwa auf Fakten, und wie viel davon ist Fiktion?

Leider hat Ermengarda kein Tagebuch geführt, und Chroniken gibt es keine. Die Faktenlage aus dieser Zeit ist dünn und stammt hauptsächlich aus Urkunden über Stiftungen, Verträge, gelegentliche Gerichtsurteile oder Testamente. Daraus fügt der Historiker Steinchen für Steinchen ein Bild zusammen.

Was meinen Roman betrifft, so habe ich alle heute bekannten Fakten verwandt. Die zeichnen in der Tat ein Bild von Zwang zur Ehe, Flucht und Krieg. Die Lücken in der Faktenlage und warum es zu der einen oder anderen Begebenheit gekommen ist, das habe ich durch Fiktion gefüllt, aber auf eine Weise, die die Fakten respektiert und das Ganze zu einer nachvollziehbaren Geschichte zusammenfügt. Ein guter historischer Roman sollte die Dinge so darstellen, wie es wirklich hätte sein können. Natürlich gehören auch fiktive Figuren und Nebenstränge dazu, um eine Geschichte spannend und lesenswert zu gestalten. Ob Ermengarda sich tatsächlich in einen jungen Mann wie Arnaut verliebt hat, weiß man natürlich nicht. Aber nichts spricht dagegen.

Welcher der Charaktere aus Ihrem neuen Roman „Die Comtessa“ gefällt Ihnen besonders gut und warum?

Natürlich schlägt mein Herz besonders für meine Helden, Ermengarda und Arnaut. Aber es gibt auch andere Figuren, die ich sehr mag. Da ist der machtbewusste, aber etwas tollpatschige Graf von Toulouse. Und vor allem auch die zwiespältige Figur der Stiefmutter Ermessenda La Bela, zerrissen zwischen Ehrgeiz, Zukunftsangst und Mutterliebe. Und im Hintergrund die stille, unaufdringliche Figur des jungen Raimon.

Meine Figuren entsprechen keinem Schwarz-Weiß-Klischee, sondern sind Menschen wie wir, mit Stärken und Schwächen, mit Ehrgeiz und Selbstzweifeln, gefangen in Konflikten, die sich aus den Umständen ergeben.

Wie sind Sie auf die Idee zu „Der Bastard von Tolosa“ gekommen?

Vor vielen Jahren war mir der Roman „Der Kreuzritter“ von Stephen Rivelle in die Hände gefallen, der die Geschichte des ersten Kreuzzugs erzählt, von den Leiden der Männer, den unglaublichen Verlusten an Menschenleben und auch von den Gräueltaten, die damals in den eroberten Städten geschahen. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Als mich dann Jahre später der Ehrgeiz überfiel, ein Buch zu schreiben, war es irgendwie klar … das war mein Thema.

Nur, ich wollte nicht den Kreuzzug nacherzählen. Mich hat die Idee des Kreuzritters an sich fasziniert, der Schock zweier Welten, der Zusammenprall der Kulturen, aber besonders, wie all dies einen Veteran dieser Kämpfe verändert hat. So entstand die Idee des Heimkehrers, der nach 14 Jahren in der Fremde, in denen er genug für drei Menschenleben erlebt hat, Schreckliches wie Gutes, in die Heimat zurückkehrt. Was ist inzwischen aus ihm geworden, was aus seinem Dorf, seiner Frau, die er zurückgelassen hatte? Kann er sich dort wieder einfinden? Natürlich ist daraus dann eine opulente, spannende Geschichte entstanden.

Was inspiriert Sie überhaupt zum Schreiben?

Es sind die Geschichten, die mich inspirieren. Ich lese irgendeine Einzelheit über eine historische Figur oder ein Ereignis, und die Rädchen im Hirn fangen an zu drehen. Ich kriege Einfälle, wie man daraus eine Geschichte machen könnte.

Das Dramatisieren macht mir Spaß, Szenen zu entwerfen, Stimmungen zu vermitteln. Ich liebe es, Sprache zu verwenden, um Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Die entstehen ja zuerst bei mir, bevor der Leser sie nachempfinden kann. Das ist wie im Film. Ich kreiere meinen eigenen Film. Menschen, Dörfer, Landschaften, Staub und Hitze, ein schneebedeckter Pass, über den sich meine Männer mühen, Packtiere, die abstürzen. Ich höre die Schreie einer Gebärenden, rieche moderndes Laub in den Wäldern. Mein Kopfkino braucht keinen Produzenten und keine Filmförderung. Niemand ist so frei wie ein Autor, der sich alles ausdenken kann. Hochspannend ist das.

Wie gehen Sie beim Schreiben vor? Bauen Sie sich zunächst ein Grundgerüst auf oder schreiben Sie einfach so drauf los?

Manche Autoren schreiben ziemlich frei drauflos. Das kann ich nicht. Ist bei historischen Roman auch nicht möglich, man muss sich ja an gewisse Fakten halten. Also plane ich, und das ziemlich ausgiebig. Das hilft mir ungemein und vermeidet, dass ich beim Schreiben plötzlich in einer Sackgasse ende. Mir fallen zwar später noch viele Dinge unerwartet ein, die ich einflechte, aber mein Grundkonzept bleibt erhalten.

Haben Sie in den Zeiten in denen Sie schreiben überhaupt noch Zeit für ihre Familie und wie geht diese damit um?

Ich bin sehr beschäftigt, das ist wahr. Muss ja auch noch Geld verdienen. Aber es klappt recht gut. Man muss natürlich seine Zeit einteilen. Meine Frau mag es, wenn ich schreibe. Sie behauptet, ich sei dann ruhiger und wirke entspannter als sonst. Das ist wahr, solange ich mir keine idiotischen Tagesziele von irgendwelchen Seitenzahlen setze. Die Gedanken müssen dahinfließen wie ein ruhiger Fluss. Dann bin ich ganz locker, lasse meinen Geist wandern und bewege mich in meiner Welt. Ich empfinde das nicht als anstrengend, sondern bereichernd.

Sie bloggen selbst. Haben sie damit erst als Autor begonnen oder schon vorher und was fasziniert sie daran?

Erst war ich gegen diese Bloggerei. Ich hielt das für Selbstdarstellung. Was zum Teufel sollte ich da schreiben? Was ich morgens zum Frühstück hatte? Wen interessiert das?

Aber nachdem mein erstes Buch erschienen war, hatte ich Gelegenheit in Internet-Leserunden Kontakt mit Lesern zu unterhalten. Das fand ich spannend und sehr bereichernd. Deshalb habe ich entschieden, es doch mit dem Bloggen zu versuchen, einfach, um die lange Zeit von einem Buch bis zum nächsten zu überbrücken und den Kontakt mit Lesern zu erhalten. Ich schreibe aber nicht über mich, sondern über Dinge, denen ich bei der Recherche begegne, über einen Hintergrund zu meinem Buch oder etwas über das Schreiben selbst. Ich bekomme Feedback von Leuten, und das ist angenehm.

Wer ist ihr Lieblingsautor und welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Da ich solange im Ausland gelebt habe, hatte ich mir angewöhnt, in englischer Sprache zu lesen. Das war am einfachsten zu bekommen. Früher gab es ja noch kein Amazon. Und so bin ich ein Fan der angelsächsischen Erzähler geworden. Ich finde, sie haben das herrliche Geschichtenspinnen irgendwie bei ihren altvorderen keltischen Barden gelernt. Wunderbare Seefahrergeschichten von Patrick O’Brien, dazu Tolkien, Bernard Cornwell, John LeCarré, und wie sie alle heißen. Zuletzt habe ich Victor Hugo gelesen. Und demnächst nehme ich mir noch einmal „Anna Karenina“ vor. Wenn ich ehrlich bin, lese ich ziemlich querbeet.

Wie genau kam es zu dem Schritt vom Büchernarr zum Autor?

Seltsam, das Leben. Ich habe nie zuvor geschrieben, außer Geschäftsberichte. Und auch nicht daran gedacht. Aber Schriftsteller und ihre Fähigkeiten habe ich immer bewundert. Irgendwann mit 55 oder so festigte sich plötzlich der Gedanke, einen Roman zu schreiben. So nach dem Motto, was die können, kann ich auch. Verrückte Idee eigentlich, denn so leicht ist ja nun nicht. Aber mich hatte der Virus gepackt und es wurde irgendwie zur Besessenheit. Trotz aller beruflichen Verpflichtungen bin ich dabei geblieben. Ich wollte meinen „Bastard“ in den Buchläden sehen. Inzwischen hat er sogar eine Schwester, und an weiteren Ideen mangelt es nicht.

Welcher Charakter aus einem Buch ist Ihr größter Held?

Ich mag sehr die beiden Protagonisten in Patrick O’Briens zwanzig Romanen, Captain Aubrey und Dr. Maturin. Wer den Film „Master und Commander“ mit Russel Crowe und Paul Bettany gesehen hat, weiß in etwa, was ich meine. Geschichten zur See in den Napoleonischen Kriegen ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber diese Bücher liebe ich. Nicht nur wegen der Abenteuer, die sie enthalten, sondern auch wegen der so authentischen Darstellung der Zeit und den herrlichen Gestalten, die uns in diesen Büchern begegnen.

Lieber Ulf, ich bedanke mich – auch im Namen der Leser – ganz herzlich für dieses interessante Interview, dass einen Teil ihrer Arbeit darstellt und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg für weitere Projekte!

Die Bücher aus der Verlosung gehen an

Claudia E.
Iris G.

Die Interviewfragen stammen u. a. aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten“

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