Interview mit Mia Morgowski

Seit ich Bücher schreibe, ist mein Mann außerdem einen Tick schweigsamer geworden

Liebe Mia, ihre Romanverfilmung „Kein Sex ist auch keine Lösung“ kommt im Dezember in die Kinos. Was ist es für ein Gefühl, die eigenen Figuren plötzlich auf der Leinwand zu sehen?

Zunächst einmal muss man loslassen können. Am besten man verabschiedet sich komplett von der eigenen Vorstellung, wie die Figuren, die man erschaffen hat, auszusehen haben, wie sie reden und miteinander agieren. Nur so kann man es zulassen, dass andere, also Drehbuchautor und Regisseur, die eigene Geschichte weiter entwickeln. Und zwar in eine Richtung, auf die man keinen Einfluss mehr hat

Im Fall von „Kein Sex ist auch keine Lösung“ stand allerdings von Anfang an fest, dass das Drehbuch vom Roman abweichen würde. Tom, die Hauptfigur, führt im Roman sehr viele Monologe. So etwas wirkt im Kino langweilig und musste deshalb irgendwie „visualisiert“ werden. Also hat man Tom eine beste Freundin, Paule, an die Seite gestellt. Paule existiert zwar auch im Roman, heißt dort aber Nadja und hat einen anderen Charakter. Auf solche Veränderungen muss man sich also einlassen können, sonst kann eine Verfilmung unter Umständen sehr unglücklich machen.

Mir hat das Umschreiben der Geschichte zum Glück nichts ausgemacht, ich war einfach nur stolz, dass das Buch überhaupt verfilmt wurde. Und dann noch fürs Kino!

Erst als ich zum ersten Mal den Trailer sah, wurde mir etwas mulmig. Ich habe mich furchtbar geschämt. Nicht wegen der Umsetzung oder der Schauspieler – das alles ist ganz großartig geworden. Aber zu sehen und zu hören, wie die Sätze, die man sich irgendwann einmal ausgedacht hatte, plötzlich lebendig wurden – das war mir schrecklich peinlich. Ich dachte die ganze Zeit: „Himmel, hätte ich das nicht anders sagen können?“

Und jetzt kommt schwingt natürlich auch noch etwas Angst mit, ob der Film beim Publikum ankommt. Aber um mal auf die Frage zurückzukommen: Im Großen und Ganzen fühlt es sich super an, wenn das eigene Buch verfilmt wird!

Inwieweit hatten Sie als Autorin Mitspracherecht bei der Verfilmung von „Kein Sex ist auch keine Lösung“?

Ich hatte im Vorfeld einige Treffen mit der Produzentin, die mich in das Prozedere des Castings und des Drehbuchschreibens einbezogen hat. Es war eine nette Geste von ihr, denn vertraglich hatte ich eigentlich kein Mitspracherecht. Ich denke, so will man vermeiden, dass Leute, die vom Filmbusiness keine Ahnung haben, den Entstehungsprozess verzögern. 

Welche Filme mögen Sie privat am liebsten?

Das kann ich so pauschal nicht sagen. Ich gehe oft ins Kino, schaue aber alles Mögliche. Liebesfilm, Krimi, Tragödie – wonach mir gerade ist. Oft wähle ich einen Film aber auch nach den Schauspielern oder dem Regisseur aus. 

Sind sie eigentlich mit der Verfilmung ihres Buches zufrieden?

Viel habe ich leider noch nicht gesehen. Außer dem Trailer nur ein paar Szenen, die mir der Regisseur, Thorsten Wacker, auf dem iphone präsentiert hat. Ungeschnitten und ohne Musik. Trotzdem fand ich es toll. Die Schauspieler sind wirklich super und ich brenne darauf, mehr zu sehen!

Und wer wären Ihre Wunschprotagonisten bei „Der nächste, bitte!“?

Also, Wunschprotagonisten wäre vielleicht ein wenig zuviel gesagt. Ich möchte schließlich Niemandem auf den Schlips treten. Allerdings reiße ich mir als Inspiration für die Protagonisten in meinen Romanen oft Figuren aus Zeitschriften aus, die ich dann an eine Pinwand hefte. So habe ich sie immer vor Augen und kann sie besser beschreiben. Bei Nella war mir sofort klar: Sie soll wie Liv Tyler aussehen! Für Paul habe ich einen mir unbekannten, dunkelhaarigen Mann aus einer Werbeanzeige als Vorbild genutzt und als Vorlage für Pauls Vater wählte ich ein Bild von Mario Adorf. Ich schätze, damit habe ich die Messlatte wohl ziemlich hoch gehängt 😉

Die weibliche Hauptfigur Nella aus Ihrem Roman „Die Nächste, bitte“ haben Sie als ein bisschen chaotisch beschrieben. Wie viel von Ihnen steckt in Nella? Sind Sie auch manchmal ein bisschen schusselig?

Ich empfinde Nella eigentlich gar nicht als schusselig. Sie hat doch auch nur einmal etwas verlegt. Da bin ich weit schusseliger …

Nella sollte einfach nur sehr weiblich sein. Sie macht sich ständig über alles und Jeden Gedanken, hat eine ausgeprägt romantische Ader, liebt Kleider und ist manchmal ein bisschen bockig. Man kann schon sagen, dass dies Eigenschaften sind, die auf mich auch zutreffen. Aber auf viele andere Frauen vermutlich auch … 

Durch wen oder was werden Sie zu Ihren Romanen inspiriert? Und wie verarbeiten Sie dann diese Inspirationen zu einem Roman?

Die Inspiration kommt zum Glück aus heiterem Himmel. Aber natürlich verarbeite ich auch eigene Erlebnisse, wenn auch nicht 1:1. Oder Erzählungen von Freunden bringen mich auf neue Ideen. Das Meiste merke ich mir, ohne zu wissen, wann oder ob ich es irgendwann mal brauchen werde. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die ich wirklich weiterverarbeite. Der Hauptteil eines Romans ist schlichtweg erfunden. Erfreulicherweise verfüge ich über eine blühende Phantasie. 

Stecken in ihren Geschichten auch persönliche Erfahrungen?

Auf jeden Fall. Der erste Roman spielte beispielsweise in einer Werbeagentur. Um sich vorstellen zu können wie es dort zugeht, sollte man sich auskennen. Fiese Kunden wie Lydia, finanzielle Nöte oder Konkurrenz unter Kollegen sind dort an der Tagesordnung. Seit ich Bücher schreibe, ist mein Mann außerdem einen Tick schweigsamer geworden. Ich vermute er ahnt, dass alles was er sagt, eines Tages irgendwie in einem Buch auftauchen könnte.

In welcher Ihrer Romanfiguren finden Sie sich persönlich am meisten wieder?

Tja, ich glaube, in Nella finde ich mich schon sehr gut beschrieben 🙂 

Wann haben sie ihren Spaß am Schreiben entdeckt und können Sie sich ein Leben ohne Schreiben überhaupt noch vorstellen?

Als Kind entdeckte ich in einer „Trets“-Packung (das waren Erdnüsse, mit Schokolade überzogen) kleine lustige Plastikfiguren. Sie hießen KnulliBullis und hatten lustige bunte Farben. Ich habe diese Figuren zum Leben erweckt und in meinen Schulheften ihre Abenteuer festgehalten. Das war wohl der Anfang …

Später fand ich aber erstmal andere Dinge spannend, wollte Briefträger, Tierpfleger, Modedesigner und zuletzt Graphiker werden. Erst, als ich längst in der Werbebranche tätig war, fing ich nebenbei wieder mit dem Schreiben an. Ein, zwei Stunden nach Feierabend, je nach Lust und Zeit. So entstand „Kein Sex ist auch keine Lösung“ und man sieht, dass das Schreiben noch nicht allzu lange ein fester Bestandteil meines Lebens ist. Trotzdem kann ich mir momentan nur schlecht vorstellen, damit wieder aufzuhören, oder etwas anderes zu machen. 

Wie sieht ein typischer Schreibtag bei Ihnen aus, Frau Morgowski?

Diesen typischen Schreibtag gibt es bei mir nicht, auch wenn ich dieses Szenario immer noch anstrebe. Mit festen Zeiten und etwas mehr Disziplin. Aber so durchorganisiert könnte ich vermutlich nicht kreativ sein.

Häufig läuft der Tag so, dass ich vormittags meine E-Mails beantworte, etwas auf Facebook poste und mich im Internet fest lese. Zurzeit gestalte ich außerdem nebenbei – in Zusammenarbeit mit einer Agentur – meine neue Website. Das bedeutet auch viel Telefoniererei. Manchmal ruft auch mein Agent oder jemand aus dem Verlag an. Vor allem wenn gerade ein neuer Roman veröffentlicht wurde, ist bei mir viel Trubel.

Gegen Mittag schnappe ich mir meist meinen Laptop und setzte mich damit in ein Café, um an aktuellen Projekten zu schreiben. Momentan steht eine Krimi-Kurzgeschichte für eine Anthologie an. Um kreativ zu schreiben brauche ich nebenbei Trubel. Bei zu viel Stille, oder einsam zuhause am Schreibtisch, fällt mir nichts ein. Nur wenn ein Roman bereits in der Lektoratsphase ist und ich Korrekturen vornehmen muss, arbeite ich zuhause. Dann brauche ich Ruhe, um mich zu konzentrieren. 

Wie darf man sich die Arbeit mit einem Lektor vorstellen? Ist sie sehr intensiv oder lässt er einen „erst einmal in Ruhe“? Welche Rolle spielt die Sympathie bei der Zusammenarbeit?

Wenn ich eine Idee für einen neuen Roman habe, bespreche ich diese zuerst mit meiner Lektorin. Das ist dann schon der erste Moment, in dem es wichtig ist, dass man irgendwie ähnlich „tickt“. Bestenfalls versteht sie sofort, was ich ihr, in meist wirren Geschichten, zu erzählen versuche und kann sich daraus einen Romanplot zusammenreimen. Bislang war es immer so, dass meine Vorschläge ihre Zustimmung fanden. Dann liefere ich ihr alles noch einmal etwas strukturierter in Schriftform. Also, eine ungefähre Zusammenfassung der Geschichte und die ersten beiden Kapitel, damit auch der Verlag sich ein Bild machen kann. Dort berät man sich dann und überlegt, ob und wann der Roman in das Verlagsprogramm passt. Nebenbei verhandelt mein Agent mein Honorar aus, schließlich muss ich mich während des Schreibens auch ernähren können. Dieses Vorab-Honorar wird dann später mit den Buchverkäufen verrechnet.

Wenn alles entschieden ist, beginne ich mit der Arbeit. Manchmal schreibe ich einfach drauflos, manchmal bespreche ich vorher Details mit meiner Lektorin. Sie bringt ihre Ideen ein, ohne mir Vorschriften zu machen, achtet aber natürlich darauf, dass sich die Geschichte so entwickelt, dass sie sich am Ende auch verkaufen lässt.

Wenn ich mit meinem Manuskript etwa bei der Hälfte angelangt bin, schaut die Lektorin noch einmal drauf. Falls ich Probleme habe, mir Ideen fehlen oder ich mich im Plot verwickelt habe, bringt sie wieder Ordnung in das Chaos. Bis dahin ist sie also eher eine Beraterin. Erst wenn mein Manuskript fertig ist (es wurde schon zu Anfang ein Abgabetermin festgelegt, sonst werden Autoren NIE fertig), beginnt die eigentliche Lektoratsarbeit.

Dann werden Schreibfehler, Wortdopplungen oder komische Formulierungen aufgespürt und die Lektorin macht Änderungsvorschläge. Manchmal stellt sie auch ganze Absätze um oder streicht schon mal eine Person komplett heraus. In diesen Momenten muss man als Autor die Zähne zusammenbeißen. Da ist es dann wirklich von Vorteil, wenn man sich sympathisch ist und sicher sein kann, dass alles nur dem eigenen Wohl dient …

Grundsätzlich sollen die inhaltlichen Änderungen des Lektorats aber nur Vorschläge sein. Und wenn sich meine Empörung darüber, dass gerade ein Lieblingssatz gestrichen wurde, erst gelegt hat, dann verstehe ich den Grund für ihre Änderung meist. Oder wir diskutieren und finden gemeinsam eine andere Lösung. In seltenen Fällen schummele ich auch schon mal eines der gestrichenen Wörter wieder in den Text hinein und sie tut so, als hätte sie es nicht bemerkt. Man sieht also: Sympathie spielt eine wichtige Rolle. 

Ihr Roman spielt in Hamburg, wo Sie auch leben. Was lieben Sie an Hamburg besonders?

An Hamburg gefällt mir so vieles, das wird eine lange Antwort 😉

Aber nein: Neben Alster und Elbe gefällt mir besonders gut, dass es in Hamburg so viele verschieden Stadtteile gibt, die alle ein ganz  eigenes Flair und ihre speziellen Attraktionen haben. 

Zum Abschluss beenden Sie bitte folgenden Satz: Schreiben ist…

… mir manchmal ein bisschen zu langsam, wenn die Ideen gerade sprudeln.

Liebe Mia, ich danke Ihnen – auch im Namen der Leser – von Herzen für dieses interessante Interview und den Einblick in Ihre Arbeit. Für alle weiteren Projekte wünsche ich Ihnen viel Erfolg! 

Die Bücher aus der Verlosung gehen an

Anastasia T.
Birgit S.
Jana H.

Die Interviewfragen stammen u. a. aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten“

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