Interviews mit Autoren

Interview mit Nicole C. Vosseler

Dass die Geschichten, die in meinem Schreiberstübchen über Monate hinweg entstehen, später in den Buchhandlungen liegen, versetzt mich immer noch in glückseliges Erstaunen.

Liebe Frau Vosseler, ich habe gelesen, dass die Geschichte von Prinzessin Salima wirklich passiert ist. Wie sind Sie auf diese interessante Frau gestoßen und wie nah dran an der Wirklichkeit sind Sie dann geblieben?

In meinem vorangegangenen Buch „Unter dem Safranmond“ hat ein großer Teil der Handlung das südwestliche Arabien zum Schauplatz, das im 19. Jahrhundert in eineinhalb Dutzend kleine Sultanate zersplittert war. Irgendwann in einer Arbeitspause trieb mich die Neugierde um, was sich zu dieser Zeit denn eigentlich im angrenzenden, wesentlich größeren Sultanat von Muscat und Oman abgespielt hat, und darüber kam ich auf Salimas Vater und über ihn sehr schnell auf Sansibar und auf Salima selbst. Ihre Geschichte hat mich sofort gepackt und dann auch nicht wieder losgelassen.

Mich hat Salimas Geschichte auch deshalb so begeistert, weil sie – genau so wie sie sich zugetragen hat – alles enthält, was einen guten Roman in meinen Augen ausmacht: glückliche Zeiten und tragische Momente, die ganz große Liebe und eine Prise Abenteuer; einerseits eine fast schon märchenhaft anmutende ferne Welt und andererseits ein Stück deutscher und englischer Kolonialgeschichte. Und vor allem eine Heldin mit einem faszinierenden Charakter, durchaus mit Ecken und Kanten und Schwächen, aber vor allem mit einem solchen Mut, einer solchen Stärke, dass ich bis heute nicht anders kann, als sie dafür zu bewundern.

Für den Roman konnte ich sehr dicht am tatsächlichen Verlauf der Geschehnisse bleiben, habe nur im zweiten Teil manche Zeiträume und Ereignisse ein wenig gestrafft, um den Spannungsbogen zu halten. Was die Fakten und auch Salimas Persönlichkeit angeht, habe ich mich eng an die historische Wirklichkeit gehalten.

Nur die Lücken, die es in dieser Geschichte gibt, Ereignisse, über die wir kaum etwas wissen und auch nicht, wie Salima darauf reagiert hat – die habe ich auf der Basis meiner Recherchen durch eigene Überlegungen und meine Imagination zu schließen versucht. 

Wie darf ich mir Ihre Recherche zum Buch vorstellen?

Die meiste Zeit und Arbeit habe ich darauf verwendet, mich mit Salima / Emily vertraut zu machen, hauptsächlich über ihren schriftlichen Nachlass, aber auch über zeitgenössische Quellen und Bildmaterial. Ich habe versucht, mich so weit wie möglich in sie hineinzufühlen und mich in sie hineinzudenken, Sansibar und Hamburg und alle anderen Stationen ihres Lebens mit ihren Augen zu sehen. Aufgrund meiner eigenen Familiengeschichte hatte ich mich schon sehr lange mit Flucht und Vertreibung und ihren Auswirkungen auf die menschliche Psyche beschäftigt, und das hat mir geholfen, manches an Salimas / Emilys Empfindungen und an ihrem Verhalten besser zu verstehen. Wo es nötig war, habe ich den geschichtlichen und kulturellen Hintergrund durch andere Quellen ergänzt. 

Gibt es Ereignisse oder Begebenheiten bezüglich Ihrer Recherchen, an die Sie sich noch lange erinnern werden?

Ja, die gibt es – die gibt es eigentlich bei jedem Buch, auch viele Jahre später noch. Bei „Sterne über Sansibar“ waren es sicher Salimas Wege, die ich in Hamburg gegangen bin und der Moment, als ich den Grund dafür herausfand, warum sie sich ausgerechnet auf den Namen „Emily“ taufen ließ.

Unvergesslich wird mir allerdings jener Sonntag fast genau vor zwei Jahren bleiben, als ich an ihrem Grab auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf stand. Das waren solch emotionale, berührende und aufwühlende Momente für mich, die ich bis heute kaum in Worte fassen kann. Ich hätte dieses Buch nicht so schreiben können wie ich es getan habe, wäre ich nicht dort gewesen. 

Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie Talent fürs Schreiben haben?

Ich habe schon zu meiner Kindergartenzeit eine überschäumende Phantasie gehabt und mir ständig die wildesten Geschichten ausgedacht, und in der Schule habe ich für mein Leben gern Aufsätze geschrieben. Der Umgang mit Sprache(n) hat mir eigentlich immer Spaß gemacht, so lange ich denken kann, und über die Jahre kam dann auch das entsprechende Feedback von außen und darüber das Bewusstsein, dass mir das zu liegen scheint. Bis zum ersten Roman und zum richtigen Autorendasein war’s dann natürlich noch ein weiter Weg …

Aber ich hab’ doch auch mal meine schlechten Tage, an denen der böse Onkel Selbstzweifel sich mit an den Schreibtisch hockt und mir gebetsmühlenartig zuflüstert, dass ich’s doch nicht kann. 

Wieso schreiben Sie so gerne historische Romane und was fasziniert Sie besonders an der Kultur in Sansibar?

Ich bin in einem geschichtsbegeisterten Elternhaus aufgewachsen und historische Romane, Sachbücher und Biografien haben mich deshalb sehr früh fasziniert. Die Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen finde ich unglaublich reizvoll – und ich denke, dass sich gerade über die Vergangenheit eine neue Sichtweise auf die Gegenwart eröffnet.

An Sansibar hat mich besonders fasziniert, wie sich dort arabische und afrikanische Kultur mischten und etwas Neues, ganz Eigenes daraus entstanden ist. Darüber hinaus hat mich fasziniert, wie nahe im 19. Jahrhundert auf Sansibar Schönheit und Grausamkeit beieinander lagen, Leben und Tod – für den Hintergrund eines Romans ein ungeheuer interessantes Spannungsfeld. 

Wie kommt ein Mensch, der in einer so schönen Gegend wie Konstanz lebt, dazu Romane zu schreiben die so gar nichts mit der Landschaft zu tun hat in der man zuhause ist?

Ha, das ist eine sehr gute Frage! Ich bin ja keine gebürtige Konstanzerin, sondern durch das Studium hier hängengeblieben. Meine Umzugskisten habe ich hier erst ausgepackt, als das Manuskript meines ersten Romans „Südwinde“ bereits fertig geschrieben war.

Wenn ich so darüber nachdenke, hängt das sicher damit zusammen, dass ich mich von epischen, dramatischen Stoffen angezogen fühle, von Schauplätzen, die extreme Kontraste aufweisen, während ich Konstanz und den Bodensee mit Ruhe verbinde und mit einer wohltuenden Beschaulichkeit.

Ich glaube, das ist so ein bisschen wie mit dem Urlaub: ganz gleich, wie schön man wohnt, ab und zu muss man einfach den Koffer packen und sich etwas anderes von der Welt anschauen.

Aber wenn ich eines in meinem bisherigen Autorendasein gelernt habe, dann, dass man nie „nie“ sagen soll. Ich weiß, hier am See haben sich in der Vergangenheit ein paar tolle, spannende Geschichten zugetragen und ich will nicht ausschließen, dass ich eine davon irgendwann einmal erzähle. 

Inwieweit hat das Studium der Literaturwissenschaften Ihnen beim Schreiben geholfen oder es beeinflusst?

Es hat mir auf jeden Fall bei der Feststellung geholfen, dass ich in der Literaturwissenschaft auf Dauer nicht glücklich geworden wäre, weil ich lieber selbst schreibe als über bereits Geschriebenes. Und es war mir auch dabei eine Hilfe, meinen eigenen Weg innerhalb der Literaturlandschaft zu finden. Ich will in allererster Linie meine Leser mit meinen Romanen unterhalten, ich will sie mit den Charakteren meiner Bücher mitfiebern, mitfühlen, mitleiden und mitlachen lassen. Das und nichts anderes. Punkt.

Aus dem Studium habe ich viele Gedanken zu einzelnen Autoren und Werken mitgenommen, die mir bis heute Inspiration sind. Das Wichtigste, was ich in meiner Studienzeit gelernt habe, dürfte jedoch die Fähigkeit sein, bei aller frei fließenden Kreativität trotzdem einen kritischen und analytischen Blick auf meine eigenen Texte zu haben, was Aufbau, Erzählweise und Sprache angeht. 

Wie war das Gefühl für Sie, als Sie zum ersten Mal ein veröffentlichtes Buchexemplar in Händen halten konnten, Frau Vosseler?

Das war großartig und überwältigend und aufregend! Das erste Buch ist natürlich etwas ganz Besonderes, aber auch heute – einige Bücher später – ist es kaum weniger großartig, überwältigend, aufregend. Dass die Geschichten, die in meinem Schreiberstübchen über Monate hinweg entstehen, später in den Buchhandlungen liegen, versetzt mich immer noch in glückseliges Erstaunen. 

Informieren Sie sich im Internet, wie Ihre Bücher beim Leser ankommen? Und wie gehen Sie mit negativer Kritik um?

Aber ja! Ich liebe es zu erfahren, wie es den Lesern mit den Geschichten und den Charakteren ergeht, was sie dabei beschäftigt und bewegt.

Grundsätzlich vertrete ich den Standpunkt, dass nicht jeder Leser meine Bücher mögen kann und auch nicht muss und ich nehme es deshalb niemandem übel, der ein Buch von mir in die Ecke pfeffert. Schade find ich’s allerdings schon – aber ich denke, das ist nur natürlich; ich fände es selbst befremdlich, wenn mir das rein gar nichts ausmachen würde. Wenn die Kritik sich darauf bezieht, dass ein Leser meinen Stil oder die Charaktere nicht mag, dann muss und kann ich das so stehen lassen. Gerade was die Charaktere betrifft, ist das ein bisschen wie im richtigen Leben: man kann nicht mit jedem gleich gut und zu manchen Menschen bekommt man einfach keinen Draht.

Wenn die Kritik die Geschichte selbst betrifft, wie ich sie aufgebaut und erzählt oder was ich eben nicht erzählt habe, dann denke ich da sehr lange und gründlich darüber nach. Am geschriebenen und veröffentlichten Buch kann ich groß nichts mehr ändern, aber gar nicht selten bekomme ich über negative Kritik sehr wertvolle Hinweise, was ich beim nächsten Buch – auch wenn das ja jedes Mal eine ganz andere, eigene Geschichte ist – vielleicht besser machen kann oder worauf ich mehr achten muss. 

Was ist schwieriger: Der erste oder der letzte Satz eines Buches?

Auf jeden Fall der erste! Nur sehr selten ist der erste Satz sofort in meinem Kopf; meistens dauert es seine Zeit, bis ich weiß, wie er lauten muss. Der letzte Satz hingegen entwickelt sich während des Schreibens ganz von selbst. 

Können Sie schon etwas über Ihr nächstes Buch erzählen?

Mein nächstes Buch spielt teils in England, teils im Norden und Osten Afrikas und schildert die Schicksale von neun jungen, lebenslustigen Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Eine Geschichte vom Leben und vom Krieg ist es geworden – und eine darüber, was Menschen für die Liebe ihres Lebens zu tun bereit sind … 

Zum Abschluss bitte ich Sie diesen Satz zu vollenden: Schreiben ist…

… meine große Lebensleidenschaft.

Liebe Nicole, ich danke Ihnen – auch im Namen der Leser – für Ihre Teilnahme an meiner Aktion.

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Thomas E.
Nadine F.

Die Interviewfragen stammen u. a. aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten