Interview mit Astrid Fritz

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Ich denke schon, da ich eine recht bildliche Fantasie habe 

Frau Fritz, die meisten Ihrer Romane spielen im süddeutschen Raum, meistens in Baden-Württemberg – ist es nicht schwer, sich immer wieder eine andere Region für seinen Roman auszusuchen und den auch noch so zu beschreiben, dass Leser aus anderen Regionen alles gut nachvollziehen können?

Das Eintauchen in die jeweiligen Regionen macht mir Spaß, zumal, wenn man im Süddeutschen viel herumgekommen ist wie ich und vielen Gegenden innerlich sehr verhaftet ist. Aber natürlich gehören auch immer wieder aktive Schauplatz-Recherchen dazu, sobald ein Schauplatz eine größere Rolle im Roman spielt. So bin ich etwa für „Die Tochter der Hexe“ das komplette Kinzigtal abgefahren, im Schneckentempo, mit zahlreichen Stopps. So dass ich wohl ein ziemliches Ärgernis für die übrigen Autofahrer war. Natürlich besorge ich mir auch Bücher
über die jeweilige Stadtgeschichte oder gehe in Stadt- und Heimatmuseen.

Wird es noch einmal einen in Südamerika verorteten Roman von Ihnen geben?

Geplant ist erst mal nichts, aber man soll nie nie sagen. Es gibt da z.B. eine hochinteressante Geschichte von Auswanderern, die es 1842 vom
südbadischen Kaiserstuhl in den Regenwald von Venezuela verschlagen hat…

Ich persönlich finde historische Romane hochinteressant. Was hat Sie dazu veranlasst, sich ganz auf historische Romane zu spezialisieren?

Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert, und zwar für Geschichte von unten, also der Alltagsgeschichte der „kleinen Leute“. Dass
ich dann mit der „Hexe von Freiburg“ den ersten historischen Roman zu schreiben begann, ist ein bisschen dem Zufall zu verdanken.
Ich war damals ja Technische Redakteurin und hatte zusammen mit einem Studienfreund, Bernhard Thill, den Stadtführer „Unbekanntes Freiburg“ geschrieben. Dabei sind wir auf das Schicksal der Catharina Stadellmenin gestoßen, die 1599 als vermeintliche Hexe in Freiburg verbrannt wurde.
Da hatte mich dann das Virus „Schreiben“ gepackt:
Ich wollte unbedingt ein Roman über diese Frau schreiben. Was dann ja auch geklappt hat… Und von da an bin ich diesem Genre treu geblieben und habe es nicht bereut.

Ich würde gerne von Ihnen wissen, wie Sie die Szenen in ihrem Buch „Die Hexe von Freiburg“ die doch sehr heftigen Folterszenen und die Verbrennung von Catharina und der Selbstmord von Christoph während des Schreibens erlebt haben?

Damals fiel mir das tatsächlich nicht gerade leicht – weniger das Schreiben an sich, als vielmehr das Recherchieren zum Hexenwahn, zu
diesem grausamen und düsteren Teil unserer europäischen Geschichte. Die vielen Zeitzeugnisse, die Quellen über Folter und Verhörmethoden haben mich oft ganz schön heruntergerissen. In meinem Roman habe ich die entsprechenden Szenen dann möglichst zügig hinter mich gebracht und versucht, mich nicht darin zu verlieren.

Ihr Roman „Der Pestengel von Freiburg“ spielt im späten Mittelalter. Was hat Sie an dieser Epoche besonders fasziniert?

Meine anderen Romane spielen ja später, zum Ende des Mittelalters bzw. in der Frühen Neuzeit, wo vieles unserer modernen Zeit
bereits angelegt war. Faszinierend am späten Mittelalter (für mich also quasi Neuland) fand ich, dass es für die Menschen ungeheuer schwer, ja fast unmöglich war, ihrer angestammten Denkweise, die von Kirche und Herrschaft geprägt war, sowie ihrer sozialen Herkunft zu entfliehen. Individuelles Handeln im heutigen Sinne war damals fast unmöglich oder stieß ziemlich schnell an seine Grenzen.

Sie beschreiben sehr anschaulich das Leben zur damaligen  Zeit und beweisen dabei sehr viel Fingerspitzengefühl. Wie haben Sie dafür  recherchiert?

Die Recherchearbeit nimmt bei mir tatsächlich einen sehr  großen Teil der Arbeit ein – etwa ein Drittel meiner Zeit, die ich für einen  Roman brauche. Dabei betreibe ich allerdings keine Archivforschung in Originalquellen, dazu hätte ich gar nicht  die Zeit. Aber ich lese, bevor ich loslege, wahnsinnig viel in einschlägigen  Werken zu Zeit- und Alltagsgeschichte. Da gibt es inzwischen wunderbare Bücher  von Historikern mit Quellenabdrucken und historischen Darstellungen. Hinzu kommt die ganz wichtige Vor-Ort-Recherche (Spaziergänge, Heimatmuseen etc.)und
natürlich auch im Internet.
Wobei man hier natürlich auf der Hut sein muss, denn das Internet ist wie ein riesiger Kiosk: Es bietet tolle Fundstücke, aber auch viel Kruscht. Nicht zuletzt bin ich eine Sammlerin, sammle alles in Dateien, was mir interessant für meine Buchprojekte erscheint.

Würden Sie behaupten, dass Sie sich im Allgemeinen gut in Menschen bzw. Situationen hineinversetzen können?

Ich denke schon, da ich eine recht bildliche Fantasie habe.
Im Alltag kann das allerdings manchmal so weit gehen, dass ich mich in Konfliktsituationen so sehr in mein Gegenüber einfühle, dass ich meine eigene Position „vergesse“!

Welches ist Ihre liebste Romanfigur und was bedeutet sie für Sie?

Die eine, einzige, liebste Romanfigur habe ich nicht, weil ich immer ein „Quer-Beet-Leser“ war und bin. Aber nachhaltig beeindruckt hat mich
Diderots Knecht Jacques der Fatalist, der trotz oder wegen seines Glaubens an die Schicksalhaftigkeit der Ereignisse ungeheuer aktiv und lebensbejahend ist – ganz im Gegensatz zu seinem lethargischen Herrn, der von Willensfreiheit nur palavert. Dazu noch Georg Büchners „Lenz“, in seiner inneren Zerrissenheit, seiner von der Welt verletzten Seele.

Haben Sie schon weitere Projekte in Planung?

Im Moment schreibe ich fleißig an meinem Folgeroman. Darin geht es um das Schicksal zweier Schwestern, die kurz vor der Reformation und der Bauernkriege ins Kloster kommen – die eine freiwillig, da sie einen fast fanatischen Glauben lebt, die andere erzwungen. Es wird im Mittel- und Südbadischen spielen.

Wenn Sie ihre Bücher mit drei Schlagworten an den Leser bringen sollten – welche Schlagworte wären das?

Spannende Unterhaltung – Vermittlung von geschichtlichen Hintergründen – Interesse wecken für unsere Wurzeln wie auch für den
Zusammenhang von Gegenwart und Vergangenheit

Gibt es etwas, was Sie überhaupt nicht ausstehen können?

Arroganz und Hochmut. Fanatismus und Intoleranz.

Bitte beenden Sie diesen Satz: Schreiben ist….

… für mich ein Teil meines Lebens und eine Bereicherung meines Lebens geworden.

Liebe Astrid, ich danke Ihnen herzlichst – auch im Namen der Leser – für die Teilnahme an meiner Aktion und für Ihre zeit. Es ist doch immer wieder interessant mehr über das „dahinter“ zu erfahren!

Die Bücher aus der Verlosung gehen an

Monika K.
Sabine H.
Steffen M.

Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen u. a. aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten

(Autorenfoto © by Jochen Quast)

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