Katrin Jäger – Schützenkönig

Viktoria Latell ist eine Großstadtpflanze durch und durch. Niemals hätte sie sich träumen lassen, in der münsterländischen Provinz zwischen Schützenverein und Landfrauengeplapper zu landen. Trotzdem führt sie eine Recherche über einen gescheiterten Amoklauf genau dort hin. Schuld daran ist ein Zeitungsartikel über den skurrilen Vorfall und das darauf abgebildete Vereinslokal, denn auf diesem erkennt Viktoria ein Tier, das sie schon einmal gesehen hat – neben einer Leiche!
Ihre Ermittlungen in Westbevern führen sie zurück in die Vergangenheit und sie muss feststellen, dass der geplatzte Amoklauf noch harmlos gegen ihre eigene tragische Geschichte ist.

Viktoria Latell reist nach Westbevern, um dort für einen ihrer typisch ironischen Artikel zu recherchieren. Als Starreporterin des „Berliner Express“ ist sie genau die richtige dafür.
Brave Hausfrau wird zur Attentäterin! – so oder ähnlich könnte die Provinzposse später überschrieben werden. Ihr zur Seite steht Siewers, seines Zeichens Fotograf. Kotzende Schützenbrüder, kreischende Weiber und Uniformträger will der Chef als Ergebnis in der Zeitung sehen. Schlussendlich bekommt er nichts….

Katrin Jäger überrascht mit „Schützenkönig“ auf ganzer Linie. Ihr Schreibstil ist anfänglich sehr verwirrend, da sie im raschen Tempo einen Szenenwechsel nach dem nächsten aneinander reiht. Wer sich allerdings auf die Handlung einlässt, erlebt eine düstere Reise in Viktorias Vergangenheit.
Diese Reise wirkt auf den Leser zu weilen sehr geheimnisvoll und düster. Fragen tauchen auf beim Lesen: Kann Viktoria Kai vertrauen und was steckt wirklich hinter Bernhard Lütkehaus Verschwinden?
Nichts scheint so zu sein, wie es sich auf den ersten Blick darstellt. Und schon gar nicht die Provinzidylle, die Karin Jäger so bildgewaltig und treffsicher darstellt, dass ich dachte, sie beschreibt mich. Schließlich habe ich genau das erlebt, was Viktoria kopfschüttelnd beobachtet: Schützenfest als Großstadtpflanze! Nur, dass in meinem Fall die Berlinerin im Rheinland landete, aber dafür direkt das erste Schützenfest im Hofstaat mitfeierte. Daher kann ich auch ganz sicher beurteilen, ob Jäger sich hierbei Klischees bedient oder nicht.
Viktoria als Hauptfigur ist ein Sympathieträger. Sie beobachtet genauestens die Ereignisse und kommentiert mit Biss aber Herz. Sie weiß, wie sie die Menschen nehmen muss, um an ihre gewünschte Story (und noch mehr) zu kommen. Notfalls erzählt sie vom nervigen Chef, dem sie doch was „liefern“ muss.
Auch die zahlreichen Nebenfiguren bekommen ein Gesicht und agieren nachvollziehbar mit ihrer ganz eigenen Geschichte.
Die dramatische Wendung bekommt „Schützenkönig“ eher zufällig durch einen der Dorfbewohner. Dieser sei nach Australien ausgewandert heißt es, doch so richtig daran glauben tut niemand der Dörfler.
Fazit: „Schützenkönig“ ist ein düsterer Roman mit Krimicharakter. Mord, Untreue und Eifersucht gepaart mit treffsicherer Beobachtung der Provinzidylle, verpackt in eine dramatische Familiengeschichte, die Hochspannung bietet. Katrin Jäger trifft damit zielsicher ins Schwarze!
© Ricarda Ohligschläger

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