Interview mit Katrin Jäger

Berlin fehlt mir wirklich

Liebe Frau Jäger, wie sind Sie auf die Idee zum Buch „Schützenkönig“ gekommen?
Ich habe acht Jahre lang in Berlin gelebt und gearbeitet und bin immer wieder mit dem Zug nach Hause ins Münsterland gefahren. Im Zug kam mir dann die Idee, dass ich eine Geschichte über diese beiden Welten schreiben möchte, in denen ich lebte. Ich wollte eine Berlinerin in die Provinz schicken, wo sie mit ihren Vorurteilen, ihren Schwächen und ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert wird.

Frau Jäger, lieben oder hassen sie Schützenfeste?
Als Kind habe ich sie geliebt. Als Teenager habe ich mich darüber lustig gemacht. Und jetzt finde ich sie großartig. Auch wenn ich keine aktive Schützenvereinsaktivistin bin. Das ganze Drumherum, der Dorfzusammenhalt und die Stimmung sind toll.

„Schützenkönig“ ist auch eine tragische Familiengeschichte. War von Anfang an klar, dass sie diese mit in ihren Roman einbauen oder sollte es ursprünglich ein „reiner Krimi“ werden?
Eigentlich war es anders herum. Es sollte am Anfang die tragische Familiengeschichte und die Entwicklung von Viktoria, der Protagonistin, im Mittelpunkt stehen. Doch nach und nach kam immer mehr Krimi dazu.

Laut ihrer Biografie sind sie schon viel in der Welt herumgereist. Welches Land war ihr absolutes Highlight und wieso?
Beruflich war die Reise im Jahre 2000 nach Mosambik zur Flutkatastrophe sicher herausragend. Wir – der Fotograf und ich – hatten keine Unterkunft, kein Visum, keinen Mietwagen, aber viel Glück. Wir trafen nette Menschen, die uns halfen und am Ende haben wir tatsächlich eine runde Reportage abgeliefert. Besonders beeindruckt war ich von der Gastfreundschaft in der Türkei (1999). Dort durften wir in einem Zelt eines Erdbebenopfers übernachten und die Menschen haben uns zu Essen gegeben und uns ihre traurigen Geschichten erzählt.
Mittlerweile hat sich mein Reiseradius aber dramatisch verkleinert. Privat reichen mir Dänemark, das Allgäu oder die wunderbare Insel La Gomera völlig aus.

Was vermissen Sie an der Großstadt, was eher nicht und haben Sie „noch einen Koffer in Berlin“?
Es sind vor allem die Freunde und Kollegen aus Berlin, die ich vermisse. Und: Die Thailändischen Imbisse. Ach und dieses Gefühl nachts mit dem Roller am gigantischen Reichstag vorbeizufahren, im Sommer barfuß in der Strandbar Bier zu trinken, mit Freunden am Urbanhafen zu hocken an der Rummelsburger Bucht joggen zu gehen. Jedes Wochenende ein Flohmarkt, die Altbauwohnungen mit den knarzenden Dielenfußböden – oh, ich merke gerade: Berlin fehlt mir wirklich. Was ich gar nicht vermisse: Nachtbus fahren, Schienenersatzverkehr, die Ratten neben der Dönerbude, die Menschenmengen, die immer, immer, immer da sind.
Einen Koffer habe ich leider nicht mehr in Berlin, eher eine kleine Reisetasche. Für den nächsten Wochenendtrip.

Verbinden sie besondere Geschichten mit bestimmten Orten?
Absolut JA. Wenn ich mich an Geschichten aus meiner eigenen Kindheit erinnere, weiß ich eigentlich immer, wo sie passiert sind. Ich weiß, wie es dort roch, wie es dort aussah, wie sich ein Ort anfühlt.

Welches Buch würden Sie ebenfalls weiter empfehlen, Frau Jäger?
Zwei an einem Tag von David Nicholls kriege ich im Moment einfach nicht mehr aus meinem Kopf. So schön, so traurig, so witzig und so perfekt. Ach und alle Romane von Hakan Nesser und Martin Suter.

Haben Sie Dinge auf ihrem Schreibtisch, die sie besonders inspirieren?
Leider nicht. Mein Schreibtisch sieht furchtbar chaotisch und unaufgeräumt aus. Deshalb schaue ich oft aus dem Fenster. Gegenüber liegt ein Feld, dahinter stehen Bäume. Das beruhigt. Und gerade in diesem Moment kommt eine Reiterin mit Pferd vorbei. Also lasse ich mich von meiner ländlichen Aussicht inspirieren. (Und jetzt werde ich sofort den Schreibtisch aufräumen!)

Haben Sie sich durch Fernsehkrimis (zum Beispiel den „Tatort“) bei Ihrem Krimi inspirieren lassen?
Bewusst nicht. Aber unterbewusst sicherlich schon. Denn ähnlich wie beim Fernsehkrimi arbeite ich in meinem Buch auch mit vielen Schnitten und Szenenwechseln. Ich glaube, das kommt von meinen Sehgewohnheiten. Und dazu gehört ganz klar: Der Sonntagstatort. Am liebsten sehe ich übrigens den aus Münster!

Was genau können sich Ihre Leser darunter vorstellen, dass Sie auf der Journalistenschule „das Schreiben neu gelernt“ haben – so wie es bei herzgedanke.de in dem Artikel über Sie beschrieben wurde?
Auf der Journalistenschule habe ich zum ersten Mal ganz bewusst eine Reportage geschrieben. Ich habe gelernt, wie man Texte schneller macht, wie man sie lebendiger macht, wie man Bilder in den Köpfen der Leser erschafft. Vorher habe ich mehr nach Gefühl rumgewurschtelt, plötzlich kam Wissen dazu. Jetzt vermische ich beides. Mein Wissen und mein Gefühl.

Wie war das Gefühl als man sein erstes Buch in der Hand gehalten hat und es nicht nur ein Manuskript mehr war?
Seltsam. Ich habe schon immer davon geträumt, einmal ein eigenes Buch in Händen zu halten. Doch weil ich den Coverentwurf schon vorher gesehen hatte und er seit Wochen ausgedruckt neben meinem Schreibtisch hing, war der große Moment eigentlich gar nicht so spektakulär. Ein bisschen später, als ich meinen Schützenkönig beim Einkaufen fast zufällig in einer Buchhandlung entdeckte, da kam dann das Herzklopfen und die weichen Knie.

Welches Buch gehört ihrer Meinung unbedingt auf die Bestsellerliste?
Na, der Schützenkönig natürlich.:-)

Gibt es eine Frage, die Sie gerne beantwortet hätten, die aber in diesem Interview nicht gestellt wurde?
Mir fällt keine ein …

Abschließend beenden Sie bitte diesen Satz: Schreiben ist…
… die Vorfreude darauf, dass jemand es liest.

Liebe Katrin, ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude am Schreiben und viele interessierte Leser.

Die Bücher aus der Verlosung gehen an

Tabea K.
Alisa L.
Antje S.

Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen u. a. aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. SEHR SCHÖN! Ich liebe dieses Buch auch, obwohl ich sonst gar keine Krimileserin bin. Aber ich mag die toughe Heldin mit der großen Klappe, die nach und nach erfährt, wieviel dieser Kriminalfall mit ihrer eigenen Biografie zu tun hat. Auch wenn ich persönlich mit Schützenfesten nix am Hut habe – Chapeau für dieses grandiose Debüt, bei dem man an allen Ecken und Enden spürt, dass da ein Profi am Werk ist.

  2. Anette L. sagt:

    Dieses Buch ist wunderbar, weil Katrin Jäger einfach eine klasse Autorin ist. Man ist mittendrin, wird Teil der Geschichte.

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