Interview mit Claudia Ziegler

Ich muss gestehen, dass ich frankophil bin

Liebe Frau Ziegler, ich freu mich sehr, dass ich Sie so kurzfristig für meine Aktion gewinnen konnte. Was hat bei Ihnen den Ausschlag gegeben Bücher zu schreiben?

Ich habe schon immer gerne geschrieben und es auch schon immer geliebt, mir Geschichten auszudenken – schon als Kind war das so. Den Ausschlag, ein Buch zu schreiben, hat dann aber ein Briefwechsel der Marquise de Pompadour gegeben, der so interessant war, dass ich anfing über das Leben dieser Frau zu recherchieren. Es stellte sich dabei schnell heraus, dass die Marquise de Pompadour ein so spannendes und bewegendes Schicksal gehabt hat, dass ich mehr als nur ein Drehbuch aus diesem Thema machen wollte – und so kam es letztendlich zu meinem ersten Buch.

„Das Mädchen mit dem zweiten Gesicht“ ist ihr dritter historischer Roman im Diana Verlag. Die Bücher sind bisher immer in einem Abstand von 2 Jahren erschienen. Hat das einen besonderen Grund?

Das war mir ehrlich gar nicht so bewusst, aber es stimmt tatsächlich. Es entspricht in etwa auch dem Zeitrahmen, den ich für ein Buch brauche. Für einen historischen Roman recherchiert man ja sehr lange. Allerdings arbeitet man als Autor aus organisatorischen Gründen auch immer etwas versetzt, d.h., dass die Arbeit an dem Buch meistens bereits einige Monate vor dem Erscheinen beendet ist, denn der Verlag braucht für die Herstellung, den Druck und Vertrieb immer einen gewissen Vorlauf. In dieser Zeit sitzt man dann oft schon an seinem nächsten „Werk“.

Alle Ihre Romane spielen in Frankreich oder führen zumindest dorthin zurück. Liegt dies an einer Vorliebe Ihrerseits für Frankreich?

Ja, ein wenig schon, denke ich. Ich muss gestehen, dass ich frankophil bin – ich liebe dieses Land und seine Sprache sehr und deshalb habe ich mich vermutlich auch immer zu Themen hingezogen gefühlt, die mit der französischen Geschichte in Verbindung standen. Andererseits bin ich aber nicht völlig festgelegt. Es gibt auch viele andere Orte und Länder, die mich begeistern und zu Geschichten inspirieren. Mein neuer Roman wird zum Beispiel zum großen Teil in England spielen.

Ich liebe historische Romane und wundere mich oft über die detailliert ausgearbeiteten historischen Fakten. Nicht jeder hat ja gerade einen Historiker in der Familie. Wie findet man solche Leute, die einem dann dieses Wissen zur Verfügung stellen?

Also, das ist sehr unterschiedlich. Die Uni’s, historische Institute und auch Museen sind zum Beispiel gute Anlaufstellen, wenn man Fragen hat. Manchmal muss man einfach ein bisschen herumtelefonieren oder im Internet recherchieren und viele Informationen findet man natürlich in Büchern – in wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Biographien etc.. Für mich sind vor allem schriftliche Dokumente, die aus der Zeit stammen, von ganz besonderem Wert, weil man darin auch immer sehr viel über das Alltagsleben von damals erfährt und, wie die Menschen selbst ihre Zeit emotional erfahren haben. Mir persönlich ist es auch immer sehr wichtig, dass – auch, wenn die Geschichte fiktiv ist – die historischen Fakten wirklich stimmen und ich mich mit ihnen auskenne.

Wie lange nimmt eine Recherche über ein solch komplexes Thema in Anspruch und wie geht man dabei am besten vor?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen, weil der Prozess des Recherchierens und Schreibens oft in einander übergeht und auch später immer wieder Fragen auftauchen und man noch Dinge recherchiert. Insgesamt würde ich aber sagen, dass ich für „Das Mädchen mit dem zweiten Gesicht“ bestimmt ein dreiviertel Jahr recherchiert habe. Es macht mir auch unglaublich viel Spaß, so in eine historische Epoche einzutauchen. Das geht dann so vor sich, dass ich anfangs erst einmal damit beginne, mich mit der Zeit im Allgemeinen zu beschäftigen, den politischen Hintergründen, den großen historischen Ereignissen, aber auch mit den Lebensumständen von damals. Ich lese sehr viel – Bücher, Biographien, aber auch Briefe und Memoiren von Zeitgenossen und schaue mir Gemälde aus der Epoche an. Wenn ich das Gefühl habe auf dieser Grundlage einen Überblick zu haben, fange ich an, nach und nach immer tiefer in die Details vorzudringen und meine Recherchen ganz konkret auf die Geschehnisse in meinem Roman zuzuschneiden. Wenn es irgendwie geht, versuche ich dabei auch, die Orte aufzusuchen, die ich im Roman beschreibe und die eine Rolle spielen. Als ich „Das Mädchen mit dem zweiten Gesicht“ geschrieben habe, hatte ich das große Glück, einige Monate in Paris sein zu können und bin von dort aus auch viel an die Loire gefahren, um Museen und besonders die Schlösser zu besuchen, in denen Catherine de Medici einst gelebt und sich aufgehalten hat.

Wie ist Ihre persönliche Meinung zu Hexerei und Hexenprozessen? Gibt es Ihrer Meinung nach das „zweite Gesicht“?

Die Hexenprozesse finde ich natürlich schrecklich und entsetzlich. Aus heutiger Sicht ist es einfach unvorstellbar, was man den Menschen damals angetan hat.
Ob ich wirklich glaube, dass es das „zweite Gesicht“ gibt? Eine schwierige Frage. Meine Vernunft würde sicherlich im ersten Moment eher dazu neigen, das zu verneinen. Auf der anderen Seite kennen wir alle wahrscheinlich das Gefühl, etwas, noch bevor es geschehen ist, zu erahnen oder zu erspüren. Vorstellen kann ich es mir deshalb durchaus, dass es das „zweite Gesicht“ geben könnte, auch wenn mir persönlich noch niemand begegnet ist, der diese Gabe hatte.

Catherine de Medici ist ja eine umstrittene aber schillernde Persönlichkeit die oft sehr negativ dargestellt wird. Welche Quellen haben Ihnen denn da bei der Recherche geholfen und zu welchem persönlichen Eindruck sind sie über diese Frau gekommen?

Ja, Catherine de Medici ist in der Tat eine sehr umstrittene Persönlichkeit und wird in vielen Biographien auch sehr negativ dargestellt. Das ist zum großen Teil natürlich verständlich, da sie ein sehr machtorientierter Mensch war und mit die Verantwortung für viele schreckliche Ereignisse, wie zum Beispiel die Bartholomäusnacht, trägt. Mein eigenes Bild von ihr hat sich aus vielen verschiedenen Büchern und Biographien und auch aus einigen Gesprächen mit Fachleuten und den Besuchen von Ausstellungen zusammengesetzt.
Ich glaube insgesamt, dass man eine historische Person immer in ihrer Zeit sehen muss, um ihr gerecht zu werden. Deshalb habe ich versucht, bei allem, was ich über Catherine de Medici gelesen habe, erst einmal jede Wertung außen vorzulassen und nur auf die Fakten zu schauen. Dabei kommt ein ganz anderes Bild heraus, nämlich das einer Frau, die von frühester Kindheit an für die Machtkämpfe ihrer Zeit missbraucht wurde und nur überleben konnte, in dem sie sich anpasste und nicht ihre wahren Gefühle zeigte. So war die Medici früh Waise, wurde schon mit acht Jahren zur Geisel der Stadt Florenz und stand durch ihre Verwandtschaft unter der Vormundschaft des Papstes, der sie gezielt für seine eigenen Interessen benutzte. Gleichzeitig war die Medici auch eine sehr gebildete und geistig interessierte Frau, die offen für neue Strömungen war und eine Leidenschaft für okkulte Wissenschaften wie die Astrologie und Kabbala gehabt hatte.

Was fasziniert Sie an dieser umstrittenen Persönlichkeit?

Die vielen unterschiedlichen Facetten ihrer Person, diese Gegensätzlichkeiten und sicherlich ihre Fähigkeit zu taktieren und sich an der Macht zu halten.

Denken Sie, dass Catherine de Medici wirklich so böse war, wie ihr nachgesagt wird?

Ich glaube nicht, dass sie „böse“ im Sinne einer charakterlichen Fehlbildung war, sondern, dass das Leben sie zwangsweise zu der Person gemacht haben, die sie war. Es waren politisch ja äußerst schwierige und gefährliche Zeiten für Frankreich und es lag natürlich in ihrem Interesse, die Macht für sich und die Krone zu erhalten. Was das angeht, kannte sich sicherlich kein Pardon und hat ganz nach Machiavellis Grundsätzen gehandelt.

Ich kann mir vorstellen, dass gerade beim Schreiben historischer Romane eine besondere Schwierigkeit auftritt: man kann sich in den Details der damaligen Zeit verlieren und so gerät evtl. die eigentliche Geschichte in den Hintergrund. Wie lösen Sie dieses Problem für sich, Frau Ziegler?

So etwas kann in der Tat passieren. Oft spürt man das schon beim Schreiben, findet aber nicht genau den Punkt, wo man zu lang wird. Ich lasse den Text dann meistens liegen und lese ihn später, manchmal sogar erst ein paar Tage danach, noch einmal. Dann habe ich den Abstand, um entsprechend zu kürzen und zu verändern. Das gehört zum Prozess des Schreibens dazu.

Wieso haben Sie gerade die Zeit der Religionskriege ausgewählt?

Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass die Figur von Madeleine gut ins 16. Jahrhundert nach Frankreich passen würde und die Religionskriege sind historisch einfach eine unglaublich spannende und dramatische Epoche, weil ganz Europa durch die Reformation im Umbruch begriffen war. Die Kriege und Kämpfe, die in Frankreich stattfanden, waren von Anfang an auch internationale Konflikte, weil es den katholisch gesinnten Nachbarländern natürlich nicht egal sein konnte, ob dieses Land protestantisch wurde oder nicht. Auf Frankreichs Boden haben auch aus diesem Grund zeitweilig mehr Ausländer als Franzosen gekämpft.

Schreiben Sie nach wahren Begebenheiten? Gab es das Mädchen Madeleine wirklich?

Der historische Hintergrund – die Ereignisse der Religionskriege und die Bartholomäusnacht hat es wirklich gegeben, genauso wie die politischen Konflikte und Intrigen, die in dem Roman geschildert werden, aber auch zahlreiche Personen wie die Medici, Henri IV., die Guise und den Admiral de Coligny haben tatsächlich gelebt. Die Figur von Madeleine und ihr persönliches Schicksal ist dagegen fiktiv.

Worüber würden Sie gerne mal etwas schreiben, wo Ihnen zurzeit aber noch die passenden Worte / Orte / Personen fehlen?

Spontan würde mir da Louis IV., der Sonnenkönig, einfallen! Ich glaube seine Persönlichkeit war ähnlich spannend und widersprüchlich wie die der Medici …

Könnten Sie sich auch vorstellen Bücher in einem ganz anderen Genre zu schreiben z. B. Jugendliteratur oder Kinderbuch?

Ja, ich denke schon. Das Genre hängt ja vor allem mit der Geschichte zusammen, die man im Kopf hat.

Wie darf ich mir den Unterschied zwischen der Arbeit als Drehbuchautorin und der als Buchautorin vorstellen? Liegen hier die Prioritäten anders?

Die Arbeit ist schon sehr unterschiedlich. Als Drehbuchautorin ist man auf jeden Fall eingeengter, so empfinde ich das zumindest. Man hat Vorgaben, was die Zeit und Länge angeht, aber auch beim dramaturgischen Ablauf und muss natürlich auch so schreiben, dass ein Film noch finanzierbar ist. Bei einem Roman ist man von Anfang an freier und kann der Phantasie in viel größeren Maße freien Lauf lassen und eine starke Erzählstimme entwickeln.

Kann man Sie auf einer Lesung treffen? Gibt es Lese-Veranstaltungen mit Claudia Ziegler speziell in Thüringen?

Meine nächste Lesung wird am 1. Dezember in Sankt Augustin sein. Für Thüringen stehen leider noch keine Termine fest, aber ich würde für eine Lesung selbstverständlich auch gerne dorthin kommen.

Lesen Sie selbst gerne ein Buch und falls ja welches Genre? Haben Sie vielleicht eine Lieblingsautorin / einen Lieblingsautor?

Ich lese viel, leidenschaftlich gerne – und fast alles, also die unterschiedlichsten Genres, muss ich gestehen. Das ist bei mir immer stimmungsabhängig. Deshalb habe ich auch nicht die eine Lieblingsautorin oder den Lieblingsautoren. Zurzeit lese ich gerade ein sehr unterhaltsames schwedisches Buch von Jonas Jonasson.

Arbeiten Sie bereits an einem neuen Buch und können Sie uns darüber etwas verraten?

Ja, ich schreibe schon an einem neuen Roman. Allzu viel kann und darf ich natürlich noch nicht verraten. Aber zumindest so viel, dass er um einiges später, im 19. und 20. Jahrhundert, spielen wird und diesmal nach England führt …

Abschließend beenden Sie bitte diesen Satz: Schreiben ist…

… Passion!

Liebe Frau Ziegler, es ist immer wieder interessant die Hintergründe eines Romans zu erfahren und zu spüren mit welcher Leidenschaft ein Buch entsteht. Ich bedanke mich herzlichst für Ihre Antworten und vielleicht sieht man sich in Sankt Augustin.

Die Bücher aus der Verlosung gehen an

Nicole R.
Regina A.
Iris G.
Doris D.
Andrea H.

Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen u. a. aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten“

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nicole sagt:

    Vielen Dank an Fr. Ziegler für die interessanten Antworten.

    Und jetzt: Juchuuuu, ich hab mal was gewonnen 🙂 Ist glaub ich das erste Mal und ich freu mich sehr – ganz besonders natürlich darüber, dass es so ein interessanter Roman ist, der bald in mein Bücherregal Einzug hält. Vielen Dank dafür

  2. schlumeline sagt:

    Das ist wie immer ein tolles Interview!!
    Über den Buchgewinn freue mich sehr!!! Danke dafür an dich Rici, die Autorin und den Verlag.

  3. Doris sagt:

    Tolles Interview. Viele spannende Fragen und sehr interessante Antworten.
    Vielen Dank dafür und auch ein ganz großes Dankeschön für das wundervolle Buch. Ich freue mich riesig.

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