Interview mit Silke Schütze

Ein Buch ist dann für mich perfekt, wenn es ihm gelingt, mich in eine mir fremde Welt zu ziehen und mir diese vertraut zu machen

Liebe Silke Schütze, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. In Ihrem neuen Buch „Erdbeerkönigin“ geht es unter anderem um die Frage, ob man sich im Leben immer zweimal begegnet. Glauben Sie daran?

Ich würde es mir wünschen, aber die Erfahrung zeigt, dass man sich meistens nicht ein zweites Mal begegnet. Vielmehr ist es so, dass man einigen Menschen nie begegnet, anderen viel zu häufig. Die Gesetzmäßigkeit dahinter habe ich noch nicht verstanden. Was wohl geschehen wäre, hätten sich Eva und Daniel nach ihrer Nacht in Hamburg wiedergesehen? Aber das ist ein anderes Buch.

Was kann man sich unter einer Erdbeerkönigin vorstellen und was verbinden Sie persönlich mit der wundervollen Frucht Erdbeere? 

Im Buch äußert sich meine Hauptfigur Eva dazu folgendermaßen: „Erdbeerkönigin zu sein, war für mich mehr als nur ein skurriler Titel … Erdbeerkönigin war ein Lebensgefühl.“ Ich will damit sagen, dass jeder Mensch etwas Besonderes ist und sein kann. Und was meine persönliche Beziehung zu Erdbeeren angeht: Unvergesslich ist mir ein Spätsommertag, als ich ungefähr acht Jahre alt war und unsere Mutter meine Schwestern und mich in den Garten schickte, um die unwiederbringlich letzten Erdbeeren zu pflücken. Wir dürften sie dann auch gleich selbst essen, hieß es. Mit Milch und Zucker. Ich weiß nicht, warum mir bei der Erwähnung von Erdbeeren immer dieser warme Nachmittag vor Augen steht.  Vielleicht, weil die Erinnerung daran für mich mit Gefühlen wie Geborgenheit und Familie verbunden ist. Und weil die Worte „die letzten Erdbeeren“ der Helligkeit des sonnendurchfluteten Tages bereits einen melancholischen Schatten von Herbst verliehen.

Gibt es auch für Sie einen Daniel – also jemanden, der ohne es zu wissen eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielt?

Spontan fällt mir meine Großtante Hedi ein – die alles andere als eine alte Tante war. Obwohl sie seit über 15 Jahren tot ist – sie starb mit weit über 90 Jahren – lebt sie immer wieder in meinen Geschichten auf. Sie war dickköpfig, widersprüchlich, humorvoll – manchmal eine absolute Nervensäge, gleichzeitig aber voller Charme, Witz und verständnisvoller Lebenserfahrung. Ein Original. Dass Ihr 90.Geburtstag in „Erdbeerkönigin“ quasi noch einmal auflebt, hätte sie sicher amüsiert.

Wie lassen sich die Themen Tod und Verlust in einen Roman einbauen, der Lebenslust und Unterhaltung vermitteln will?

Der Tod gehört zum Leben, er ist die einzige Gewissheit, die für uns alle gilt. Wenn man das akzeptiert, fällt es leichter, das Leben hier und heute zu genießen, es bewusster zu gestalten und dabei lachen zu können. Und so lässt sich der Tod auch in Geschichten voller Lebenslust einbauen. Nicht die Themen, sondern das Darüberschreiben scheint mir schwierig. Außerdem bezweifle ich, dass es leichter ist, lustig zu schreiben. In „Erdbeerkönigin“ heißt es: „Mir wird klar, dass der Schmerz über Mamas Tod ein Begleiter durch mein weiteres Leben bleiben wird. Und dass ich lernen muss, mit ihm zu leben wie mit einem Bekannten, der neben den schönen, glücklichen und den schwierigen Erinnerungen an meinem Lebenstisch Platz hat.“

Was haben Sie empfunden, als Sie hörten, dass einer Ihrer Romane fürs Fernsehen verfilmt werden soll? Können Sie uns schon genaueres über die Verfilmung von „Kleine Schiffe“ erzählen?

Die Firma Krebs & Krappen Film entwickelt im Auftrag von ARD Degeto für Das Erste die Verfilmung von „Kleine Schiffe“. Geplant sind die Dreharbeiten für den Herbst. Da bin ich natürlich sehr gespannt, wie sich das anfühlt, wenn meine Figuren plötzlich von Schauspielern verkörpert werden.

Da Sie früher sehr viele Filmkritiken geschrieben haben, sind Sie sicher auch ein großer Filmfan. Welcher ist denn Ihr Lieblingsfilm?

Wenn man mich mit der Pistole auf der Brust zwingt, nur einen einzigen Titel zu nennen, wäre das „Es war einmal in Amerika“ (1984) von Sergio Leone. Eine große Ballade über Freundschaft und Loyalität. Aber das geht gar nicht, denn dann blieben so viele großartige Lieblingsfilme von mir unerwähnt. Ich erlaube mir, wenigstens noch zwei zu nennen: „Freundinnen“ (1988) sowie „Frankie und Johnny“ (1991). Zwei wunderschöne Liebesdramen, die ohne Zuckerwatte auskommen. Beide stammen übrigens von Gary Marshall, der auch „Pretty Woman“ inszeniert hat.

Wie hat man sich Ihren Werdegang vom Studium über den Film zur Autorin vorzustellen? War der Weg steinig oder führte er Sie über den Roten Teppich?

Nach dem Studium fing ich bei der Berliner Filmfirma Tobis an – und habe dort sehr bald in der Presseabteilung alle Texte geschrieben. Drei Jahre später bin ich auf Angebot der Zeitschrift Cinema nach Hamburg gegangen. Wiederum drei Jahre später habe ich geheiratet und arbeite seitdem als selbstständige Autorin. Dieser Weg war weder steinig noch glamourös, aber mit viel interessanter Arbeit verbunden.

Lassen Sie sich inspirieren von den vielen Filmen, die Sie gesehen haben? Leiten Sie daraus Ideen für Ihre Romane ab?

Ja, auf jeden Fall sind Filme inspirierend. Ich möchte nie aufhören, Filme anzuschauen und ins Kino zu gehen. Aber Filme inspirieren mich mehr, was das Lebensgefühl betrifft. Ideen für meine Romane leite ich nicht aus Filmen ab.

Vergeben Sie die Namen an Ihre Figuren schon vor dem eigentlichen Schreiben oder bildet sich die Idee für einen Namen erst während des Schreibens heraus?

Manche Figuren bringen ihre Namen schon wie von selbst mit. Die tauchen einfach auf und heißen so. Wie Dr. Lenchen in „Erdbeerkönigin“ oder Hedi und Lotti in „Als Tom mir den Mond vom Himmel holte“. Andere muss ich regelrecht „taufen“. Bevor ich losschreibe, müssen alle Figuren einen Namen haben. Das ist wichtig für mich.

Wann kommen die Ideen für ein neues Buch? Während Sie noch am aktuellen schreiben oder haben Sie immer mehrere Inspirationen im Kopf?

Ach, die kommen dauernd. Und meistens zu einer Unzeit, wo ich weder einen Stift noch ein Handy griffbereit habe, um Notizen zu machen.

Gibt es Orte, an denen Ihnen die besten Anregungen und Ideen zu einem neuen Buch kommen?

Nein, mir kommen überall Ideen. Aber wenn im Prozess des Schreibens mal etwas stockt, hilft mir vor allem eins: Der Gang in die Bücherei. Ich habe einen Ausweis für die Hamburger Bücherhallen und liebe es, einen Nachmittag in der Bücherei zu verbringen – zwischen Kindern, die „Die Raupe Nimmersatt“ vorgelesen bekommen, Teenagern, die sich Vampirliebesgeschichten ausleihen und Rentnern, die sich durch die Tageszeitungen rascheln.

Mich würde interessieren, ob Sie beim Schreiben irgendwelche Angewohnheiten haben. Also ob Sie beispielsweise immer eine Tafel Schokolade parat liegen haben, oder ob Sie nur nachts schreiben … oder, oder, oder?

Ich habe eine schlechte Angewohnheit: Ich vergesse alles um mich herum. Dann esse ich nicht, denke nicht daran, etwas zu trinken. Stunden später tauche ich dann völlig ausgehungert, mit Kopfschmerzen und trockenem Hals wieder in der Wirklichkeit auf.

Wie entspannen Sie sich nach dem Schreiben? Mit einem Buch oder ganz anderen Sachen wie Gartenarbeit oder spazieren gehen?

Ich bin begeisterte Joggerin. Es gibt nichts Besseres für mich, um den Kopf frei zu kriegen.

Bücher welchen Genres lesen Sie am liebsten?

Da habe ich keinerlei Vorlieben. Ich lese alles.

Welches Buch liegt aktuell bei Ihnen auf dem Nachttisch?

Mal wieder Donna Tartts „Die geheime Geschichte“. Ein Bildungsroman im Gewand eines spannenden Krimis. Dieses Buch lese ich seit Jahren mindestens einmal pro Jahr und entdecke immer noch neue, faszinierende Details.

Was macht für Sie persönlich das perfekte Buch aus?

Ein Buch ist dann für mich perfekt, wenn es ihm gelingt, mich in eine mir fremde Welt zu ziehen und mir diese vertraut zu machen. Gleichgültig, ob es in den amerikanischen Südstaaten Ende des 18. Jahrhunderts spielt, in einer Männer-WG unserer Tage oder in einer fernen Galaxie irgendwann in der Zukunft.

Was verbinden Sie mit Hamburg und was lieben Sie an dieser Stadt? Welche andere deutsche Stadt übt eine ähnliche Faszination auf Sie aus?

In Hamburg schwingt durch die Elbe immer die Verbindung zum Meer mit. Das Meer bedeutet Fernweh, Melancholie, Sehnsucht. Natürlich liebe ich auch Berlin – ich bin dort aufgewachsen. Wenn man Heimat und Zuhause trennen kann, dann bedeutet das für mich: Berlin ist meine Heimat, Hamburg ist mein Zuhause.

Welche Frage hätten Sie in diesem Interview gerne beantwortet, wurde Ihnen aber nicht gestellt?

Können Sie die Abseitsfalle erklären, Frau Schütze?

Liebe Frau Schütze, ich bedanke mich von Herzen – auch im Namen meiner Blogleser – für dieses ausführliche Interview und wünsche Ihnen weiterhin viele tolle Romanideen!

Die Bücher aus der Verlosung gehen an

Julia Sch.
Judith D.
Sylvie G.
Manuela
Nadja Sch.

Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen u. a. aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten”

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  1. Sylvie sagt:

    Ich freue mich! 🙂
    Dankeschön!

    LG
    Sylvie

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