Renate Ahrens – Ferne Tochter

Renate Ahrens hat bereits im letzten Jahr mit ihrem Roman „Fremde Schwestern“ bei mir vielerlei Emotionen geweckt. Dass sie das noch ein Stück weit mehr kann, hat sie nun mit „Ferne Tochter“ bewiesen.
Es ist die Geschichte zweier Mutter-Tochter-Beziehungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber doch sehr eng miteinander verknüpft sind.

Auf der einen Seite steht Judith, die ihre Mutter nach 20 Jahren wiedersieht. Rita liegt nach einem schweren Schlaganfall im Pflegeheim, kann weder reden und ist auf der rechten Seite zusätzlich gelähmt. Das Verhältnis zu ihrer Tochter Judith ist zerrüttet. Warum das so ist kann ich an dieser Stelle nicht näher beschreiben, denn es würde zu viel von der Handlung wegnehmen. Auf das zweite Mutter-Tochter-Verhältnis möchte ich nicht näher eingehen, weil es ebenso zu viel verraten würde.
Ein bisschen erahnt man bereits, wenn man sich den Klappentext einmal genauer durchliest.

Daher werde ich eher auf Renate Ahrens Schreibstil eingehen. Dieser ist so faszinierend klar und flüssig zu lesen, dass es schwer fällt das Buch auch nur eine Sekunde aus der Hand zu legen. In kleinen Rückblenden erzählt sie über Judiths Vergangenheit und offenbart damit eine Familientragödie, die sich bis heute in Judiths Leben eingenistet hat, denn sie ist verdammt dazu ein Geheimnis zu hüten, welches ihre Ehe zerstören könnte. Aus Scham und Angst schweigt sie und wird doch von tiefer Sehnsucht heimgesucht.

Als ihre Mutter ins Pflegeheim kommt muss sie sich ihrer Vergangenheit stellen. Dazu muss sie Italien verlassen, die Heimat in der sie als junge Frau Halt und die Liebe ihres Lebens fand.

Dass die Autorin ein Jahr in Italien gelebt hat spürt man sehr. Italienisches Flair sprudelt regelrecht aus ihren Zeilen heraus und man hat das Gefühl beim Lesen von Oliven, Mozzarella und gutem italienischen Wein umgeben zu sein. Viele Plätze und Straßen fließen ebenso in die Handlung ein, was das Gesamtbild von Judith abrundet, denn ich finde es immer sehr wichtig, dass nicht nur der Charakter der Hauptfigur sondern auch ihr Umfeld alles in allem stimmig ist.

Emotional hat mich der Roman sehr mitgerissen. Man spürt vielerlei ungesagte Worte, Enttäuschung aber auch Schuld.
Renate Ahrens schreibt über Geheimnisse, Vertrauensbrüche, Hilflosigkeit und Familienbindungen so ergreifend und fesselnd, dass man den Protagonisten eine Schulter zum Anlehnen bieten möchte.
Auf den ersten Blick erscheint „Ferne Tochter“ wie eine tragische Familiengeschichte. Sie zeigt aber gleichermaßen auf, dass man Dinge nach Jahren noch ändern kann. Diese Botschaft vermittelt die Autorin mit einer Intensität und einer Kraft in ihren Worten, dass mich „Ferne Tochter“ noch lange beschäftigen wird.
© Ricarda Ohligschläger

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nina sagt:

    Und wieder ein Suchi mehr 😉 Du hast mich mit deiner Rezi sehr neugierig gemacht, liebe Rici!

  2. Etwas befremdlich fand ich zunächst, dass das Handy in diesem Buch immer italienisch “telefonino” genannt wird. Ich muss aber gestehen, dass es mir schnell nicht mehr auffiel und es im Nachhinein auch sehr gut passte. Das Buch schlägt so leise Töne an, dass das englische Wort Handy sogar störend gewirkt hätte.

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