Margaux Fragoso – Tiger, Tiger

Manchmal wünschte ich mir ein Buch nicht bewerten zu müssen, denn das würde bedeuten, dass die Dinge, die in dem Buch geschildert werden nicht geschehen sind.
Vor einiger Zeit ging es mir so mit dem Buch „Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“ und nun habe ich ein ähnliches Empfinden.

Ich habe absichtlich kein Video gedreht bzw. keine Videorezension, da ich befürchte, dass meine Emotionen überschwappen.
Bevor ich näher auf das Buch Margaux Fragoso – Tiger, Tiger eingehe möchte ich euch bitten das Zitat des Klappentextes auf euch wirken zu lassen:
„Ich begann dieses Buch im Sommer nach dem Tod von Peter Curran zu schreiben, den ich mit sieben Jahren kennenlernte und mit dem ich fünfzehn Jahre eine Beziehung hatte, bis er im Alter von sechsundsechzig Selbstmord beging.“

Dieses Buch ist mutig, schonungslos, bedrückend und aufrüttelnd, denn es zeigt wieder einmal mehr, dass man seine Augen nicht genug öffnen kann für seine Umwelt, ganz besonders für Dinge, die man oft nicht sehen WILL, weil sie zu grausam sind.
Im Falle von Margaux Fragoso haben unzählige Augenpaare die Wahrheit nicht sehen, hören und fühlen WOLLEN. Zu offensichtlich sind meiner Meinung nach die Hinweise gewesen, die das Mädchen ihrem engsten Umfeld gesendet hat und zu deutlich stand die Frage im Raum was ein Mädchen mit einem 44 Jahre älteren Mann verbindet.

Margaux ist sieben als sie 1985 in einem Schwimmbad einen Mann beobachtet, der mit seinen beiden Söhnen spielt. Trotz seines Alters übt er eine unbeschreibliche Faszination auf das Mädchen aus. Die unschuldige Frage des Kindes: „Kann ich mit dir spielen?“ ist der Beginn einer Suche nach Liebe, Anerkennung und Aufmerksamkeit, die schonungslos missbraucht wird.
Margaux ist das einzige Kind ihrer Eltern. Ihr Vater ist ein nervöser Typ, oft arbeitslos und tyrannisch. Ihre Mutter ein psychisches Wrack, was später immer öfter wegen psychischer Probleme in die Klinik muss. Schizophrenie, Depressionen und extreme Stimmungsschwankungen – ausgelöst durch einen sexuellen Missbrauch in der Kindheit! – machen es ihr unmöglich ihrer Tochter Halt und die notwendige Erziehung zukommen zu lassen.

Peter hingegen ist der „Vater“ den sich Margaux im Stillen schon immer gewünscht hat. Aufmerksam und liebevoll nähert er sich nicht nur Margaux, sondern auch ihrer Mutter. Ganze Tage verbringen die beiden in seinem Haus, in dem es so viel zu bestaunen und entdecken gibt. Auf das kleine Mädchen übt Peters Welt eine magische Anziehungskraft aus.
Diese Magie wird jedoch bald unterbrochen. Peter beginnt das Mädchen zu küssen, zu streicheln und immer mehr für sich einzunehmen. Während sich die Mutter im Garten sonnt, erfindet er Gründe Margaux den Keller seines Hauses zu zeigen, wo er sich ihr immer mehr unsittlich nähert…

Besonders erschreckend ist, dass sich diese Übergriffe mehr oder weniger vor Margaux Mutter abgespielt haben. Während sie in unmittelbarer Nähe war, wurde ihre Tochter nach und nach die „Geliebte“ eines Mannes, der mit erwachsenen Frauen nichts „anfangen“ konnte. Peter bedauert geradezu das Heranwachsen des Mädchens und ihre damit verbundene Reife. Geschminkte Lippen, aufreizende Wäsche, gefärbte Haare – alles Dinge, die er zutiefst verachtet. Später gesteht er ihr, dass er sich seiner Lebensgefährtin Inés nicht „als Mann“ nähern kann. Inés und Peter führen in der Folge eine Art Zweckgemeinschaft bzw. offene Beziehung. Dass Peter Stunden in seinem abgeschlossenen Zimmer mit Margaux verbringt blendet sie aus.

Es kommt auch zu Tage, dass er seine Töchter aus einer anderen Beziehung nicht mehr sehen darf. Die Gründe offenbaren sich zum Ende des Buches, waren aber für mich bereits viel früher klar. Peter verheimlicht die wahren Gründe auf höchst intelligente Weise und spinnt somit sein Netz immer enger um Margaux. Er der arme alte kranke Mann, der ein bisschen Liebe sucht und in Margaux gefunden hat. Wie könnte Margaux ihn nur abweisen?

Wie perfide er das Kind für sich einnimmt wird klar, als er ihr vermittelt, dass Nacktheit und der Körper an sich das schönste Geschenk der Schöpfung ist. Diese Gehirnwäsche geht so weit, dass Margaux ihren Vater bittet mit ihr zu duschen. (Seit ihrem 6. Lebensjahr war der Vater der Meinung, dass seine Tochter „jetzt zu groß“ dafür wäre.) Unter der Dusche nähert sich die mittlerweile achtjährige Margaux dem völlig entsetzten Mann auf eine Art, die jede Alarmglocke hätte erklingen lassen müssen!

Wenn ich Peters Verhalten mit einem Wort beschreiben müsste, würde ich den Vergleich mit einem „Spinnennetz“ wählen. Dass er das Mädchen regelrecht mit seinen kranken Fantasien umgarnt hat, wird erst recht bewusst als eine erzwungene Kontaktsperre das Mädchen krank macht.

Wie viele Anzeichen für einen sexuellen Missbrauch im Leben von Margaux übersehen wurden – aus Scham, Desinteresse oder ohnmächtiger Hilflosigkeit – kann man sich nach dem Buch nur ungefähr ausmalen. Diese „Blindheit“ ist das was mich so wütend macht und tausende Fragen in meinem Kopf herumwirbeln lässt. War es das Trauma der Mutter, die sich angesichts des Missbrauchs ihrer Tochter an ihre Vergewaltigung im Kindesalter erinnerte und sich dem damit verbundenen Schmerz nicht gewachsen fühlte? War es der Alkoholmissbrauch des Vaters, der ihn abstumpfen ließ?

Darauf wird man in dem Buch keine Antwort bekommen und auch nicht auf die Frage wie Margaux all die Geschehnisse in ihrer Kindheit verarbeitet hat, wenn sie das überhaupt je annähernd schafft.
Man kann nur hoffen, dass ihr dieses Buch geholfen hat einen Teil dessen aufzuarbeiten und ihre Offenheit lässt die Erkenntnis darüber vermuten, dass sie sich heute sehr wohl bewusst ist, dass dieser Mann in jeder Form FALSCH gehandelt hat und sich dem wohl auch bewusst war. Sein Freitod untermauert diese Annahme in meinen Augen.

Abschließend möchte ich, dass ihre alle dieses Buch lest. Du, du und du auch. Lest es! Margaux hat es geschafft zu schreiben, dann wirst du es wohl schaffen zu lesen. Und wenn es dich zu sehr schmerzt, dann halte trotzdem durch. Es ist der erste Schritt die Augen vor solchen Verbrechen NICHT zu verschließen.
Der zweite wird sein, dass wir alle ab sofort mit OFFENEN Augen durch die Welt gehen, um so zu verhindern, dass Kinder weiterhin Opfer von kranken Menschen werden können.
 Vergesst dabei nicht, dass JEDE(R) zum Täter werden kann! Das ist meine Bitte an euch. Danke!
© Ricarda Ohligschläger

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. karfie sagt:

    Sehr schöner Text.
    Dennoch denke ich, dass dieses Buch nichts für Jedermann ist.
    Aber deinen Aufruf kann ich nur teilen!!!!

    Lg
    Karin

  2. Melanie sagt:

    Puh, harter Tobak und eine der wenigen Rezensionen, die ich von Anfang bis Ende gelesen habe. Ob ich das Buch allerdings lesen werde ist die andere Frage, liegt nicht am Thema, ich mag Biografien und Ähnliches überhaupt nicht. Dennoch Danke für´s Aufmerksam machen, es hört trotz der Grausamkeit sehr interessant an.
    Liebe Grüße
    Melanie

Kommentar verfassen