Interview mit Sabine Thiesler

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Portrait Thiesler_Sabine Copyright Christian Thiel _300dpi_14246Welches ist der erste Ansatz für einen Thriller und wo nehmen Sie die Inspiration für Ihre Bücher her?

Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch und habe eine extreme kriminelle Phantasie, daher sehe ich ständig vor mir, was wann wo und wie überall passieren könnte. Und plötzlich habe ich eine Idee, die meist eine aufregende Situation ist oder ein interessanter Charakter. Und wenn mich die Idee nicht mehr loslässt und ich mir vorstellen kann, mich ein ganzes Jahr damit zu beschäftigen, beginne ich zu schreiben und lasse die Geschichte ganz langsam entstehen und wachsen.

Wie sind sie auf das Genre Thriller gestoßen? Haben Sie sich als Jugendliche schon für Krimis bzw. Mord und Totschlag interessiert?

Ja. Sehr. Es begann als Kind mit Enyd Blyton, mit den „Geheimnis“- den „Fünf Freunde“- und den „Abenteuer-Büchern“, als ich etwas älter wurde habe ich mit Begeisterung die gesamte Highsmith verschlungen und habe mein Leben lang gern Thriller gelesen. Subtile, gemeine Thriller. Kein action. Und ich schreibe, was ich gern lesen würde.

Ich würde gerne wissen, was Sie als schwieriger empfinden/empfanden. Zum ersten Mal einen kompletten Roman schreiben und sich darin zurechtfinden, oder weitere Romane schreiben, die den Anforderungen vom Verlag und denen der Leser gerecht werden sollen?

Den „Kindersammler“ schrieb ich, weil ich mir zwanzig Jahre lang gewünscht hatte, endlich einen großen Roman zu schreiben. Aber ich hatte nie Zeit, hatte zu viele Verträge beim Fernsehen. Irgendwann hab ich es dann möglich gemacht und landete gleich einen Riesenerfolg. Das war nicht schwer. Schwer war, danach weiter zu machen. Die Erwartungen weiterhin zu erfüllen. Zumal man immer denkt, wenn man einen Roman fertig hat: Jetzt ist Schluss, jetzt fällt mir nichts mehr ein. Aber es geht doch immer irgendwie weiter…

Welche „Tatort“ – Folgen und welche Ermittler wurden denn ganz speziell erst durch Ihre Drehbücher ins Leben gerufen?

Erfunden und ins Leben gerufen habe ich Inga Lürsen (Sabine Postel) für den Bremer Tatort.

Sie selbst haben auch als Schauspielerin gearbeitet. Könnten Sie sich vorstellen wieder vor die Kamera zu treten?

Nein. Das ist vorbei. Da hätte ich keinen Spaß mehr dran.

Was gefällt Ihnen besser? Im Hintergrund tolle Geschichten verfassen oder auf der Bühne stehen und präsentieren?

Im Hintergrund tolle Geschichten verfassen…

Ist Ihnen schon selbst einmal etwas passiert, das Sie dann in einem Ihrer Bücher mit eingebracht haben? Oder anders gefragt: wie viel Sabine Thiesler steckt in Ihren Büchern?

Ich glaube, Bücher, wie ich sie schreibe, kann man nicht mit zwanzig schreiben. Man braucht viel Lebenserfahrung, denn nur durch Erfahrung kann man Phantasien entwickeln. Natürlich habe ich die haarsträubenden Geschichten in meinen Büchern nicht selbst erlebt, aber auf Grund der Summe all meiner Erfahrungen waren diese Phantasien möglich. Und wenn man es so sieht, steckt 100 % Sabine Thiesler in meinen Büchern.

Welches Ihrer Bücher ist ihr persönliches Lieblingsbuch und aus welchem Grund?

Weiß ich nicht. Kann ich nicht sagen. Und das Komische ist, dass auch jeder meiner Freunde ein anderes Lieblingsbuch hat.

Könnten Sie sich die Verfilmung Ihrer Bücher vorstellen? Oder ist eine Verfilmung bereits geplant?

Natürlich könnte ich mir das sehr gut vorstellen. Aber das will gut überlegt sein. Ich habe schon einige Verfilmungsvorschläge abgelehnt, weil ich Angst hatte, dass die Geschichten verflachen und kaputt gehen. Im Moment laufen wieder neue Gespräche.

Schreiben Sie persönlich lieber Drehbücher oder Romane?

Romane!!!! Viel viel viel lieber!

Wie lange braucht bei Ihnen ein Manuskript zum Buch?

Ein bis anderthalb Jahre.

Sie haben ja Drehbücher für „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ geschrieben. Finden sie die Qualität der aktuellen Folgen beider Serien noch in Ordnung?

Selten. Das liegt vor allem an dem wachsenden Dilettantismus der sogenannten Schauspieler. Damit meine ich nicht die Kommissare. Es sind viele Laien unterwegs, die nur  wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes engagiert werden, und keinen verständlichen Satz über die Lippen bringen. Und dann haben sie es mit Regisseuren zu tun, die sich daran weiden, grün-graue Kunstbilder zu erschaffen, aber einen hilflosen Schauspieler nicht führen können, weil sie von der praktischen Seite dieses Berufs nichts verstehen. Es ist frustrierend.

In „Bewusstlos“ werden Themen wie Kindesmissbrauch und der Tod eines Kindes thematisiert. Können Sie ruhig schlafen, wenn Sie an solchen Szenen arbeiten?

Es ist schon belastend, wenn man sich mit diesen Themen auseinandersetzt, zumal die Figuren meiner Bücher  über Monate vierundzwanzig Stunden am Tag in meinem Kopf präsent sind. Sie werden zu einem Teil meines Lebens, sitzen quasi zu Hause mit am Tisch. – Aber wenn ich dann eine schwierige, schlimme Szene geschrieben habe, und ich das Gefühl habe, sie ist gut und richtig, dann ist das wie eine Befreiung.

Fürchten Sie sich ab und an selbst beim Schreiben oder bei den Gedanken über Ihre Bücher?

Wie schon gesagt: Ich fürchte mich immer, aber beim Schreiben weniger.

Ihr Hauptdarsteller in diesem Buch, Raffael, hat ja ein medizinisches oder zumindest psychologisches Problem mit seinem Gedächtnis. Wie haben Sie für diese Erkrankung recherchiert oder gab es einen tatsächlichen Fall, dem die Geschichte nachempfunden ist?

Ich habe viel über Alkoholismus gelesen, und ich glaube, einen Filmriss hatte vielleicht  jeder schon mal . Was mit Raffael passiert, ist durchaus nachvollziehbar, und wahrscheinlich kennt auch jeder einen „Raffael“ in seinem Umfeld. – Ein Mensch, der schwer traumatisiert ist und im Vollrausch mordet, ohne sich daran erinnern zu können, hat mich interessiert.

Wie entspannen Sie sich nach einem intensiven Schreibtag?

Mit einem wunderbaren Glas Rotwein am Kamin oder im Sommer auf der Terrasse…

Was verbinden Sie persönlich mit der Toskana und warum findet man diese immer wieder in Ihren Büchern erwähnt?

Da ich in der Toskana lebe und mich hier auskenne, spielen meine Geschichten hier und in meiner ursprünglichen Heimat Deutschland. Man kann nur dort seine Phantasie wandern lassen, wo man in Gedanken spazieren gehen kann. Man muss wissen, wie es an einem Ort riecht, welche Geräusche und Verstecke es gibt, um ihn zum Schauplatz einer Situation werden zu lassen.

Können Sie sich vorstellen für Ihre Bücher einmal ganz andere Schauplätze auszuwählen  –  nicht Berlin und nicht die Toskana? An welchem außergewöhnlichen Ort würden Sie gerne mal einen Thriller spielen lassen?

Auf dem Meer. Ich bin dabei…

Haben Sie überhaupt selbst Zeit zum Lesen und welches ist ihr persönlicher Buchtipp für den Winter? Lesen Sie privat auch Thriller?

Ja, sicher, ich will wissen, welcher Wind durch den Buchmarkt weht. Aber einen besonderen Buchtipp habe ich jetzt nicht. Die Kollegen schreiben alle so ganz anders als ich, schreiben eher Ermittlungskrimis, die mich nur wenig interessieren.

Welches Buch hätten Sie selbst gern geschrieben?

Die Säulen der Erde.

Hätten Sie gerne ein Pseudonym? Und welches würden Sie wählen?

Nein. Es ist okay so. Aber wenn, dann müsste der Name früher im Alphabet vorkommen. Für die letzten Buchstaben im Alphabet ist in den Buchhandlungen in den Regalen oft kein Platz mehr.

Frau Thiesler, kann ich Sie demnächst auf einer Lesung treffen? Wenn ja, wo?

Ich lese am 11.3. in Reutlingen oder in Neustadt an der Weinstraße (das steht noch nicht fest), am 12.3. in Göttingen, am 14.3. in Leipzig, am 15.3. in Halle, am 17.3. in München, am 18.3. in Schweich (bei Trier) und am 20.3. in Verl (bei Gütersloh).  – Die genauen Adressen und Anfangszeiten kann man der Heyne-Homepage im Internet entnehmen.

Liebe Sabine Thiesler, ich bedanke mich – auch im Namen meiner Blogleser – für dieses ausführliche Interview und wünsche Ihnen für alle weiteren Projekte alles Gute!

Das Buch aus der Verlosung geht an

Markus H.

Herzlichen Glückwunsch!

Die Interviewfragen stammen aus Einsendungen, im Rahmen der Aktion „Leser fragen – Autoren antworten”

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Petzi sagt:

    Hallo,
    ein ganz tolles Interview das ich hier gerade entdeckt habe. Danke dafür. Ich lese ihr Buch selber gerade und finde es deswegen besonders spannend, auch etwas über den Autor und dessen Gedanken zu erfahren. Ich wusste z.B. nicht, dass sie auch für den Tatort geschrieben hat.
    Liebe Grüße
    Petzi

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