Diane Chamberlain – Das Mädchen, das keiner wollte

1960 in North Carolina
Jane Forrester ist 22 als sie gegen den Willen ihres Mannes eine Stelle als Fürsorgerin antritt. Robert, ihr Ehemann und Kinderarzt, hält nicht viel davon, dass seine Frau arbeitet statt das Haus einzurichten und ihn pünktlich zum Feierabend mit dem Abendessen zu empfangen. Vor seinen Freunden aus dem Country Club möchte er sogar verheimlichen, dass Jane ihr eigenes Geld verdient und gibt ihren Job als Wohltätigkeitsarbeit aus!
Doch Jane hat ihren eigenen Kopf und setzt ihre Wünsche unbeirrt durch – auch wenn sie dabei Gefahr läuft, dass ihre junge Ehe Schaden nehmen könnte.

„Glaubst du, wir schaffen das?“, fragte ich leise. … „Nicht, wenn du darauf bestehst, die Bedürfnisse fremder Leute über die Bedürfnisse deines Ehemannes zu stellen“, sagte er. (Seite 380)

Und noch etwas könnte Jane schaden: ihr weiches Herz! Denn bei der Arbeit mit ihren Klienten sollte sie sich eigentlich nicht von ihren Gefühlen leiten lassen. Aber wie handeln, wenn man innerlich spürt, dass es Dinge gibt, die man so wie sie sind nicht einfach hinnehmen sollte, weil sie ungerecht und menschenunwürdig sind. Wer hat das Recht über das Leben bzw. die Zukunft eines anderen Menschen zu entscheiden?

„Wir brauchen Sie hier, und ich hoffe wirklich, Sie legen sich bald eine rauere Schale zu, aber wenn diese Stelle Ihnen zu viel abverlangt, um ihre Arbeit vernünftig zu erledigen, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, noch einmal darüber nachzudenken.“ (Seite 129)

Die 15jährige Ivy Hart arbeitet auf den Tabakfeldern in Crace County, einer armseligen Gegend. Ihr einziger Lichtblick ist der Sohn des Plantagenbesitzers, Henry Allen. Auch wenn sie ahnt, dass es für sie beide keine gemeinsame Zukunft geben wird.

„Ich hatte gedacht, Henry Allen und ich hätten die Chance auf ein gutes Leben, aber tief in mir hatte ich immer gewusst, dass seine Eltern das niemals zulassen würden. Kein Gardiner würde jemals eine Hart heiraten.“ (Seite 155)

Ivy ahnt nichts von der Operation, die heimlich an ihrer Schwester vorgenommen wurde und auch nicht, dass die Fürsorge für sie ebenfalls solch einen Eingriff plant. Sie träumt stattdessen von Kalifornien und einer besseren Zukunft als Ehefrau von Henry Allen. Als Ivy begreift, was wirklich vor sich geht und sich die Ereignisse dramatisch zuspitzen, ist es fast schon zu spät ihre Träume wahr werden zu lassen. Nur eine kann ihr jetzt noch helfen – aber kann sie Jane nach allem was passiert ist wirklich trauen?

Ich habe schon lange nicht mehr so mitgelitten bei einem Buch, aber das Thema  von staatlich angeordneten Sterilisationen ließ mich einfach nicht kalt. Obwohl ich anfänglich überhaupt noch nicht wusste worauf das Buch hinausläuft und der Klappentext lediglich „unmenschliche Maßnahmen“ anreißt, hatte ich schon nach wenigen Seiten das Gefühl dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen zu können.

Die beiden Hauptfiguren Jane und Ivy schildern kapitelweise in abwechselnder Reihenfolge die Ereignisse und schnell begreift man, dass beider Leben nicht unterschiedlicher sein können.  Jane lebt in einem schönen großen Haus, in absoluter finanzieller Sicherheit und müsste nun wirklich nicht arbeiten gehen, um sich das ein oder andere Extra zu leisten.

Ivys Familie hingegen ist auf die Extras des Plantagenbesitzers Davison Gardiner angewiesen und dankbar für jeden Penny, den sie in den Tabakfeldern verdienen können. Während mich bei anderen Büchern solche Szenenwechsel oftmals irritieren oder sogar die Spannung zerstören, wird diese in „DAS MÄDCHEN, DAS KEINER WOLLTE“ durch die Perspektivsprünge noch mehr aufgebauscht und die Emotionen nehmen unbeschreibliche Dimensionen an.

Diane Chamberlain beweist hierbei ein großartiges Talent Atmosphäre, Spannung und Unterhaltung in ein mitreißendes Buch zu verpacken. Immer wieder überrascht sie mit Wendungen, die man ganz leise erahnt und zwischen den Zeilen schon vorher herauslesen kann, doch die Wahrheit schlägt trotzdem mit voller Wucht zu. Mich hat es innerlich manchmal fast zerrissen vor Wut, dann wieder war ich voller Mitleid und Hoffnung – und am Ende den Tränen nahe.

Die 464 Seiten habe ich innerhalb eines Tages verschlungen und empfehle das Buch allen, die sich nach einer berührenden Geschichte mit viel Tragik, Hoffnung und Emotionen sehnen – einer Geschichte, die man so schnell nicht vergessen wird!
© Ricarda Ohligschläger

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