Annette Hennig – Floras Traum von rotem Oleander

Es gibt in jeder Menschs Leben solche Zeitgenossen, die mit nichts zufrieden sind, immer nach Höherem streben und sich eher die Zunge abbeißen würden als sich Fehler oder Schwächen einzugestehen. Im wahren Leben nerven mich solche Leute ungemein – im vorliegenden Buch fing ich an die Protagonistin zu hassen!

DAS, liebe Leser, ist aber keinesfalls ein Tadel, denn es ist der Beweis dafür, dass Annette Hennig ein ganz besonderes Talent hat unsympathische Hauptfiguren zu zeichnen.

Flora Hoffmann fühlt sich schon immer als etwas Besseres im Hause ihrer Mutter Elisabeth. Als Älteste von 6 Kindern hat sie es leid den Anordnungen der Eltern zu folgen, deren Armut hinzunehmen und ihre Zukunft stellt sie sich garantiert nicht so vor wie es ihrem Vater vorschwebt: als Ehefrau eines verarmten Arbeiters, die jeden Pfennig dreimal umdrehen muss.

Nein, Flora schwebt Reichtum vor. Am besten in einem großen Haus. Und dieses Haus hat sie mit ihren 19 Jahren bereits ins Auge gefasst: Die Villa der Familie von Langenberg!
Zielstrebig und mit gespielter Freundlichkeit schafft sie es kurze Zeit später dort eine Anstellung zu erhalten und im Nu hat sie nicht nur Diener Gustav, sondern ebenso den jungen Grafen Heinrich um den Finger gewickelt. Nur Gräfin von Langenberg durchschaut das Spiel des Mädchens aus einfachem Hause.

Flora Hoffmann ist wahrhaftig eine der Protagonisten mit denen man eine Art Hassliebe verbindet. Einerseits bewunderte ich ihre Zielstrebigkeit und ihren Mut, andererseits tat sie mir manches Mal schon leid. Denn so verbittert und negativ wie diese junge Frau erscheint blieb mir gar keine andere Wahl.
Meine Empfindungen für sie wurden jedoch auf eine harte Probe gestellt, als ihre Tochter Viola geboren wurde und ich als Mutter so gar nicht nachempfinden konnte, wie man sein eigenes Kind so verachten kann.
Vom Ehrgeiz zerfressen sorgt sie in Kriegszeiten dafür, dass sich der Reichtum der Familie sogar mehrt, doch die Liebe zu ihrem Kind und der Respekt ihres Mannes berührt indessen immer weniger ihr Herz.
Besonders nahe ging mir dabei die Szenerie als ihr Mann Heinrich aus dem Kriege nach Hause kehrte. Ja, in diesem Moment habe ich sie verachtet!

In FLORAS TRAUM VOM ROTEN OLEANDERerzählt Hennig die Geschichte der von Langenbergs auf zwei Zeitebenen. Einmal in den 40iger Jahren und dann in den 90ern. Mittlerweile ist Viola, die Tochter von Flora und Heinrich, eine fast 50jährige Frau auf der Suche nach der Vergangenheit. Kleine Einblicke lassen nur erahnen welches Familiengeheimnis sich da noch lüften wird und es gibt ein Wiedersehen mit liebgewordenen Hauptfiguren. Der Roman ist in sich nicht abgeschlossen, lässt viele Fragen offen und lässt vermuten, dass manche Figur nicht noch ein anderes Gesicht hat. Welche Rolle spielt Heinrich in Violas Leben und wo Lilly? Hat Flora die Wahrheit gesagt und ist sie wirklich so kaltherzig?

Diese Fragen werden sich hoffentlich in „Leilani – Die Blume des Himmels klären, das ich direkt im Anschluss lesen werde, denn Annette Hennig hat mit ihrem packenden Schreibstil so ein Lesefieber in mir entfacht, dass ich einfach weiterlesen MUSS. Ihre Art Geheimnisse zu verpacken und nur stückchenweise zu lüften, ihre Figuren zu zeichnen und ihnen Charakter einzuhauchen verdient ein riesiges Kompliment. Ich habe wirklich schon sehr, sehr viele Bücher gelesen aber dieses hier ist eine Familiengeschichte, die ihresgleichen sucht.
Ich habe Flora gehasst, bewundert und verflucht, freue mich auf die Fortsetzung und habe Angst sie gehen lassen zu müssen. Genau so stelle ich mir das für eine Familiengeschichte vor! Sie muss mich mitreißen, aufwühlen, glücklich machen und verzweifeln lassen – großes Kompliment an Annette Hennig und klare Leseempfehlung für euch!
©Ricarda Ohligschläger

Kommentar verfassen